«KI ist längst in unserem Alltag angekommen»

Hannes Badertscher übernimmt am 1. März 2026 die Leitung des ICAI Interdisciplinary Center for Artificial Intelligence. Er tritt damit die Nachfolge von Prof. Dr. Guido Schuster an, der das ICAI gegründet und aufgebaut hat. Im Interview erläutert der an der OST ausgebildete Ingenieur, warum er KI-Bildung als zentral erachtet und welches Potenzial er für die Hochschule sieht. Zudem erklärt der KI-Experte, weshalb er insbesondere Weiterbildungen weiterentwickeln will – und was künstliche Intelligenz mit der Erkennung schlechter Schweissungen von Kunststoffrohren zu tun hat.

Das Portrait zeigt den neuen Leiter des ICAI, Hannes Badertscher.
Hannes Badertscher hat bereits an der Vorgängerschule der OST studiert und bringt somit fundierte Erfahrungen für die neue Funktion als Leiter ICAI mit.

Seit 2020 sind Sie an der OST, waren jedoch bereits ab 2014 bei der Vorläuferinstitution HSR angestellt. Nun übernehmen Sie die Leitung des ICAI Interdisciplinary Center for Artificial Intelligence. Was verbinden Sie mit der Ostschweizer Fachhochschule?

Hannes Badertscher: Ich habe bereits mein Elektrotechnik-Studium an der HSR in Rapperswil absolviert und habe deshalb eine langjährige Verbindung zur OST. Für mich zeichnet sich die OST insbesondere durch die interdisziplinäre, institutsübergreifende Zusammenarbeit aus. Dank der doch überschaubaren Grösse der OST sind die Wege kurz und man kennt sich und arbeitet gerne zusammen.

Sie sind ein Spezialist im Bereich künstliche Intelligenz. Wieso interessieren Sie sich für diese neue Welt, die sich gerade öffnet?

Ich kam bereits in meinem Studium erstmals mit den Grundlagen von künstlicher Intelligenz in Kontakt, auch wenn KI damals noch eher ein kleines Nischengebiet war. Seit da fasziniert mich, wie ein Algorithmus durch die enge Kombination von anspruchsvoller Mathematik und Programmieren lernen kann. Heute interessiere ich mich hauptsächlich dafür, wie diese Technologie sowohl für die Wirtschaft als auch die Gesellschaft sinnvoll eingesetzt werden kann.

Was sind Ihrer Meinung nach die Herausforderungen der aktuellen Nutzung von künstlicher Intelligenz?

Künstliche Intelligenz hat sich in einem rasanten Tempo von einem Nischenthema zu einem omnipräsenten Thema entwickelt. Diese hohe Dynamik ist aus meiner Sicht eine der zentralen Herausforderungen. KI-Spezialistinnen und -Spezialisten, aber auch Nutzerinnen und Nutzer sowie Unternehmen müssen auf dem aktuellen Stand bleiben, um so neue KI-Anwendungen verantwortungsvoll anwenden und beurteilen zu können. Für die Hochschule sehe ich hier aber ein hohes Potenzial, Unternehmen und die Gesellschaft auf diesem Weg zu unterstützen und zu beraten.

Was raten Sie der Gesellschaft beim Umgang mit dieser doch sehr neuen Möglichkeit?

Um einen sinnvollen Umgang mit KI zu erlernen, ist ein Grundverständnis der Technologie notwendig. Nur so können die Chancen und Risiken der Nutzung von KI beurteilt werden. Durch die hohe Geschwindigkeit und die Komplexität des Themas existieren viel Halbwissen und Fehlinformationen über die Funktionsweise von KI. Die KI-Bildung ist aus meiner Sicht deshalb absolut zentral.

Durch die hohe Geschwindigkeit und die Komplexität des Themas existieren viel Halbwissen und Fehlinformationen über die Funktionsweise von KI. Die KI-Bildung ist aus meiner Sicht deshalb absolut zentral.

Hannes Badertscher, Leiter ICAI Interdisciplinary Center for Artificial Intelligence

Die Technologie rund um KI optimiert sich rasant und fast täglich gibt es Neuigkeiten. Wie sorgen Sie im ICAI und in den dazugehörigen Studiengängen für Aktualität?

In der angewandten Forschung entwickelt das ICAI neue KI-Anwendungen für verschiedenste Partnerorganisationen. Dadurch bleibt das ICAI im Bild über die neusten Trends und Möglichkeiten im Feld der KI und kann diese auch in der Lehre und in der Weiterbildung weitergeben. Da sich die KI schnell weiterentwickelt, ist es aber wichtig, nicht zu unterrichten, wie aktuelle Tools benutzt werden – dies ändert sich innerhalb von Wochen –, sondern vielmehr, was die grundlegenden Ideen und Konzepte dahinter sind. Diese Grundlagen sind auch nach Jahren noch gültig und helfen, ein Verständnis für die Technologie zu entwickeln.

Prof. Dr. Guido Schuster war vor Ihnen in dieser Funktion tätig. Was möchten Sie beibehalten?

Unter der Leitung von Guido Schuster wurde das ICAI gegründet und die angewandte künst- liche Intelligenz als interdisziplinäres Schwerpunktthema der OST verankert. Ich möchte diese Interdisziplinarität und die breite Anwendung von KI – auch in nicht technischen Fachgebieten – beibehalten und weitertreiben.

Als Leiter sind Sie nun für die strategische Positionierung sowie die interdisziplinäre Gestaltung und Vernetzung des ICAI innerhalb und ausserhalb der OST verantwortlich. Welche Pläne haben Sie mit dem ICAI in den nächsten Jahren?

Die künstliche Intelligenz verändert und revolutioniert unsere Gesellschaft und Arbeitswelt. Dadurch ist insbesondere ein grosser Bedarf nach Weiterbildungen vorhanden. Das ICAI und die OST generell bieten bereits verschiedene KI-Weiterbildungen an, aber ich bin überzeugt, dass hier noch ein grosses Potenzial besteht.

Das ICAI forscht an und entwickelt KI-Lösungen für Unternehmen. Wo brauchen Unternehmen konkret Unterstützung?

Das ICAI unterstützt Unternehmen in verschiedener Form: gerade KMUs wissen häufig nicht, wie sie überhaupt KI in ihrem Unternehmen nutzen können. Hier unterstützen wir in Form von Schulungen und Workshops und begleiten sie bei der Einführung oder Entwicklung erster KI-Tools. Weiter fehlen vielen Firmen das Know-how und die Erfahrung in der Entwicklung eigener spezialisierter KI-Modelle und deren Integration in die Produkte und Prozesse. Das ICAI unterstützt Unternehmen genau mit diesem Know-how und der jahrelangen Erfahrung in der Entwicklung und dem Training von KI-Modellen. Die Breite an Anwendungen ist dabei gross: von KI-basierten Trainingssystemen für Eishockey-Profis über KI-Modelle zur Erkennung schlechter Schweissungen bei Kunststoffrohren bis hin zu KI-basierten Reiseempfehlungen.

Wenn ich KI nutze, muss ich selbst sicherstellen, dass das Ergebnis korrekt ist. Wenn entweder der angemessene Datenschutz nicht sichergestellt ist oder ich als Anwender nicht selbst die Verantwortung für das Resultat der KI- Nutzung tragen kann, empfehle ich, auf die KI-Nutzung zu verzichten.

Hannes Badertscher, Leiter ICAI Interdisciplinary Center for Artificial Intelligence

Für welche Arbeiten im Alltag empfehlen Sie die Nutzung von KI und wo empfehlen Sie einen Verzicht?

Bei allen Computer-gestützten Arbeiten, welche regelmässig gemacht werden und die viel Zeit in Anspruch nehmen, empfehle ich, zumindest zu prüfen, ob KI dabei unterstützen kann. Dabei sind aus meiner Sicht aber zwei Punkte zentral. Erstens der Datenschutz: Ich muss – gerade im Umgang mit vertraulichen Daten – die Kontrolle haben, wo diese Daten verarbeitet werden und was mit diesen Daten geschieht. Zweitens die Verantwortung: Ich trage selbst die Verantwortung für meine Arbeit und meine Handlungen. Wenn ich KI nutze, muss ich selbst sicherstellen, dass das Ergebnis korrekt ist. Wenn entweder ein angemessener Datenschutz nicht sichergestellt ist oder ich als Anwender nicht selbst die Verantwortung für das Resultat der KI-Nutzung tragen kann, empfehle ich, auf die KI-Nutzung zu verzichten.

Wie nutzen Unternehmen heute KI, wo besteht noch Potenzial?

Viele Unternehmen wenden bereits KI-Chatbots wie ChatGPT an und versuchen diese in ihre Prozesse zu integrieren. Gerade KMUs können im administrativen Bereich profitieren, indem sie KI-gestützte Tools einsetzen und so effizienter werden. Das Feld von KI ist aber viel breiter als nur Chatbots. Insbesondere spezialisierte KI-Anwendungen, welche auf den Daten eines Unternehmens trainiert werden, bieten ein hohes Potenzial. Ein Beispiel ist der bereits vorhin erwähnte KI-Algorithmus zur Erkennung defekter Schweissungen: Dieser führt zu einer deutlich höheren Produktivität beim Industriepartner, da Inspektorinnen und Inspektoren so entlastet werden und effizienter sind.

Wo nutzen Sie die KI im Privatleben?

Sowohl bewusst als auch unbewusst nutze ich täglich KI im Alltag – weit über ChatGPT hinaus: Die Gesichtserkennung meines Smartphones nutzt KI, meine Handykamera verbessert Fotos automatisch durch KI-basierte Bildoptimierungen und die Fahrassistenzsysteme meines Autos nutzen KI zur Verkehrserkennung und Sicherheit. Auch auf Streamingplattformen, in Onlineshops und auf Social Media arbeiten KI-Systeme im Hintergrund, um mir personalisierte Inhalte vorzuschlagen. KI ist längst in unserem Alltag angekommen und ich nutze – wie die meisten Menschen – täglich verschiedenste KI-Systeme.

Welches ist Ihr persönliches Highlight, das sich im letzten Jahr in der digitalen Welt ereignete?

Grosse Sprachmodelle (Large Language Models, LLM), welche die Basis für KI-Chatbots und diverse weitere Text-basierte Aufgaben sind, sind 2025 näher zu den Anwenderinnen und Anwendern gerückt: Erstens sind die Entwicklung und das Training von LLMs nicht mehr ein Monopol weniger grosser Techfirmen, sondern auch neue Firmen und gar Hochschulen (z. B. mit dem 2025 durch die ETH veröffentlichten Sprachmodell «Apertus») trainieren konkurrenzfähige LLMs und stellen diese auch immer häufiger der Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft zur Verfügung. Zweitens werden sowohl Hardware (z. B. der neue NVIDIA DGX Spark) als auch Software weiterentwickelt, sodass auch ohne grosses Rechenzentrum leistungsfähige KI-Modelle genutzt werden können. In Kombination erlauben es diese zwei Entwicklungen auch kleineren Organisationen, eigene, spezialisierte KI-Modelle zu entwickeln und zu nutzen.