Bauleiterin im virtuellen Raum
Doch bevor man in die Vertiefung eintaucht, lohnt sich ein kurzer Aufenthalt bei der Frage: Was ist Digital Design? Zunächst geht es um Apps und andere digitale Produkte und Services. Die Digital-Designerin ist wie eine Bauleiterin im virtuellen Raum. Zunächst überlegt sie, wer im Haus wohnen soll. Dafür orientiert sie sich daran, was die künftigen Nutzerinnen und Nutzer benötigen und erwarten. Sie plant die Räume logisch, barrierefrei und angenehm. Doch wie beim Hausbau limitieren gewisse Faktoren die Wunschliste: etwa die Technik, das Budget oder das Geschäftsmodell. Die Digital-Designerin begleitet den gesamten Prozess – von der ersten Skizze über Finanzierung und Planung bis hin zur digitalen Grundsteinlegung, dem Rohbau und der abschliessenden Schlüsselübergabe.
Und wie soll nun KI das Berufsfeld Digital Design bereichern? Frieder Loch nennt als Beispiel die Personas. Diese fiktiven Nutzer hauchen abstrakten Zielgruppen Charakter ein. Nehmen wir Thomas, 35 Jahre alt, sportaffin. Obwohl Thomas durch Interviews, Umfragen und Nutzeranalysen Profil hat, erscheint er recht eindimensional. Mit KI-Werkzeugen kann Thomas als virtueller Gesprächspartner auftreten und im Chat befragt werden. So kann der virtuelle Thomas direkt Rückmeldungen zu Produktideen geben. Lösungen sollen dadurch wie ein digitaler Massanzug daherkommen. Frieder Loch betont: «KI verändert den Entwurfsprozess in der User Experience.» Und zwar von der Nutzerforschung über Ideation und Prototyping bis hin zum Testing.
Fit für Berufswelt der Zukunft
Der Professor für User-Centered Design ist überzeugt, dass es sich bei der neuen Vertiefung um einen zukunftsfähigen Abschluss handelt, der auf dem Arbeitsmarkt gefragt ist. Erste Adresse für Absolventinnen und Absolventen ist die Softwarebranche. Da KI aber gerade die meisten Berufsfelder durchschüttelt, könnten sich auch neue Perspektiven ergeben. Frieder Loch sagt: «Da wir die Studierenden fit machen im Umgang mit der Technologie, sie mit Schlüsselkompetenzen ausstatten, sind sie prädestiniert für Berufe, die es heute noch nicht gibt.» Es gehe um ganzheitliches Denken, das die Technologie kritisch beleuchtet. Lehrveranstaltungen zum Thema «Technologieethik» stehen daher ebenso auf dem Stundenplan wie ein Modul zu Human-Centered AI, das sich mit den Themen Transparenz, Fairness, Verantwortung und den gesellschaftlichen Auswirkungen der Technologie befasst.
Ein grosser Teil des Studiums wird von der Praxis geprägt. Frieder Loch betont: «Wir sind extrem praxisnah.» Als Dozierende treten Personen auf, die in Schlüsselpositionen der Branche – in Agenturen, bei Softwareunternehmen – arbeiten. Vieles erarbeiten sich die Studierenden im Rahmen von Projekten, teilweise auch für die Praxis, selbst. Zur Seite stehen ihnen dabei erfahrene Coaches, die einen gut gefüllten Rucksack aus Theorie und Praxis mitbringen. Vorlesungen, in denen ein Dozierender die Studierenden mit seinem Wissen berieselt, bilden eher die Ausnahme. Der Studiengangsleiter ist überzeugt: «Wer durch eigenes Erleben lernt, lernt nachhaltiger.»
Start der Vertiefung zum richtigen Zeitpunkt
Wer die neue Vertiefung studieren wird, kann auch Professor Loch nicht sagen – er kennt die Zukunft ebenso wenig wie die klügste KI. Was er jedoch sagen kann, ist, wer die heutigen Studierenden im Bachelor Digital Design sind: Zum Start des Herbstsemesters 2025 betrug der Frauenanteil fast 70 Prozent – in Informatik-Studiengängen die Ausnahme. Viele haben einen kaufmännischen Hintergrund, einige bringen eine abgeschlossene Lehre als Mediamatiker oder Informatikerin mit. «Es gibt auch Personen, die sich aufgrund der KI-Veränderungen bewusst neu orientieren», weiss der Studiengangsleiter. Sie nehmen das Heft der Zukunft in die eigenen Hände. Im Bachelorstudiengang Digital Design arbeiten die Studierenden bereits heute mit aktuellen KI-Tools.
Gegenwärtig verliert der KI-Hype aus seiner Sicht etwas an Flughöhe. «Es kommt nun wohl die Phase, in der sich die Technologie konsolidiert.» Der Start der neuen Vertiefung im Herbst 2026 komme daher zum richtigen Zeitpunkt: «Es braucht fähige Leute, die verstehen, wie Technologie funktioniert und wie sie sinnvoll eingesetzt werden kann – gerade bei sicherheitskritischen Anwendungen und Systemen.»
Welche KI-Werkzeuge im Studium zum Einsatz kommen, ist noch nicht abschliessend definiert. «Wir sind technologieoffen», sagt Professor Frieder Loch. In Bezug auf grosse Sprachmodelle ist unklar, ob ChatGPT, Gemini oder ein anderes Modell morgen den Takt angibt. Bei allen KI-Tools – auch solchen in der Gestaltung von Interfaces – geht es um das Verständnis, wann welches KI-Tool den Entwicklungsprozess sinnvoll unterstützen kann. Schliesslich sollen die Werkzeuge den Studierenden in ihrer künftigen Berufspraxis mehr Raum und Zeit für Kreativität, Ideen und menschlichen Austausch ermöglichen. Der Studiengangsleiter fasst zusammen: «Es geht darum, KI schlau einzusetzen.»
Kontakt
Prof. Dr. Frieder Loch
I3 Institut für Interaktive Informatik
Studiengangsleiter Digital Design
+41 58 257 46 43
frieder.loch@ost.ch
