«Ich habe Bilder gesehen, die ich nie mehr vergessen kann»

Die Kriminologin und Supervisorin Bettina Riederer befasst sich mit schwerer Kost: Gewalt und Kinderpornografie. Das Studium der Sozialen Arbeit an der FHS, einer Vorgängerhochschule der OST, bezeichnet sie als Türöffner. Die Alumna gibt Einblicke in ihren alles andere als geradlinigen Werdegang und verrät, was sie anspornt und erdet. 

Mobbing, Gewalt, Kinderpornografie: Was die Gesellschaft am liebsten aus dem Blickfeld drängt, ist Bettina Riederers tägliches Brot. Die 46-Jährige ist selbständige Kriminologin und Supervisorin. Entspannt sitzt sie in ihrer Praxis in Jona. Ein schlichtes Geschäftshaus in Bahnhofsnähe. Ein grünes Sofa, zwei Schalenstühle, ein Stubentisch. Bilder mit Blumen und Bienen («Die sind alle von meiner Mutter.») zieren die Wände. Leer bleibt heute das Hundekörbchen, Hündin Ruby wartet zu Hause. 

Bettina Riederer wuchs in den 1980er-Jahren in Valens auf, einem Dorf mit rund 500 Einwohnerinnen und Einwohnern im Taminatal. Sie hat einen älteren Bruder und eine jüngere Schwester. Der Vater war Schreiner, später Gemeindepräsident, die Mutter stammt aus Südafrika. Betrachtet man den Kanton St.Gallen als Kopf, bildet die Gemeinde Pfäfers, zu der Valens gehört, das Schlüsselbein. Ihre Kindheit bezeichnet Bettina Riederer als behütet. Doch der jungen Frau wurde es bald zu eng im Tal. Eine Enge, welche die berühmte Taminaschlucht passend symbolisiert. «Einen Monat nach der Lehre bin ich zu Hause ausgezogen», erzählt sie.

Bettina Riederer steht bei Nieselregen auf einer Brücke in der Nähe ihrer Praxis.
Britisches Wetter in Jona: Durch ihr Masterstudium in England, zückt Bettina Rieder nicht beim ersten Tropfen den Regenschirm.

Neugier war ihr Kompass

Sie absolvierte das KV in der Kunststoffindustrie. Doch das Büro war nicht ihre Welt: «Als junge Frau durfte ich Kaffee holen und lächeln.» Aber sie hielt durch, schloss die Lehre ab. Als sie der Enge des Tals nach Zürich entfloh, nahm ihre berufliche Zielvorstellung langsam Konturen an – während eines Praktikums in einer Psychiatrie: «Ich habe gemerkt, dass ich etwas mit Menschen machen will.» Es folgten «Suchjahre», wie es Riederer nennt. Sie jobbte in der Reisebranche, hinterliess viele Stecknadeln auf der Weltkarte, absolvierte die Ausbildung zur Fotografin. Doch ihre Fühler blieben ausgestreckt. Neugier war ihr Kompass.

An einem Infotag der FHS, einer Vorgängerhochschule der OST, entzündete sich ihr Interesse für die Soziale Arbeit. «Ich dachte mir: Das ist es!» Sie holte – hauptsächlich im Selbststudium – die Berufsmaturität nach. 2007 begann sie mit dem Studium der Sozialen Arbeit auf dem Campus Rorschach. Es war ihre Welt. «Dieses Studium war der Türöffner für alles, was noch kommen sollte», sagt sie rückblickend. Das Leben als Studentin gefiel ihr: «Wissen aufbereiten und dieser Hochschul-Vibe.» Sie lehnt sich einen Moment schwelgend in den Schalenstuhl ihrer Praxis zurück.

Wenn Bettina Riederer spricht, hört man ihr gerne zu. Sie erzählt anschaulich, aber nicht ausufernd. Sie nimmt die Fragen interessiert auf, wartet auch mal einen Zeigerschlag ab, bevor sie antwortet. Auch wenn sie rhetorisch in ihren Fachdisziplinen unterwegs ist, driftet sie nicht ins Belehrende ab. Man fühlt sich wie in einer Baumhütte des Vertrauens. 

Ich will und kann mit jenen arbeiten, mit denen nur wenige arbeiten wollen.

Bettina Riederer

Interesse für den Menschen hinter der Tat

Noch während des Studiums begann sie eine karriereweisende Tätigkeit in der Strafanstalt Gmünden, Appenzellerland. Primär im offenen Vollzug, daneben in einer kleinen Abteilung, in der Insassen 23 Stunden in einer 15-m²-Zelle verbringen mussten. Gitterstäbe schoben sich vor die sanfte Hügellandschaft. Zwischen Drogendealern, Verkehrssündern und Gewaltverbrechern realisierte die junge Frau: «Ich will und kann mit jenen arbeiten, mit denen nur wenige arbeiten wollen.» Sie interessiert sich für den Menschen hinter der Tat, für die Biografie, für das Vorher, für das, was nicht in den Akten steht. Eine Maxime, die sie später zum Geschäftsmodell verfeinerte.

Auf das Studium an der FHS folgte ein Master in Kriminologie und Internationaler Justiz. Von Gmünden, in dem die Insassen Tage, Stunden, Minuten oder gar Sekunden zählten, ging sie nach Nordengland an die Sheffield Hallam University mit über 30 000 Studierenden. «Das Masterstudium war nicht ohne», sagt Riederer, «aber es hat mir getaugt.» In der Kriminologie, der interdisziplinären Wissenschaft von Kriminalität, entdeckte sie ihr Steckenpferd, das sie bis heute pflegt. 

Der OST bleibt sie treu

Der FHS und später der OST blieb sie treu: ab 2014 als Lehrbeauftragte in einem Wahlpflichtmodul, wo es um Gewalt und Gewaltdynamiken ging, ab 2020 im Pflichtmodul Sozial- und Selbstkompetenz. «Wissen aufbereiten und mit den Studierenden diskutieren, das gefällt mir», sagt sie. Doch die grösste Herausforderung bahnte sich im Privaten an: 2015 wurde sie Mutter einer Tochter, für die sie ab der Geburt alleinerziehend verantwortlich war. In der ersten Zeit war sie durch die neue Rolle sehr eingenommen. «Mein Aktionsradius war entsprechend klein.» 

Als die Tochter ins Kindergartenalter kam, begann Riederer mit dem Aufbau der Selbstständigkeit und der eigenen Praxis. In dieser sitzt sie heute und erzählt – immer noch entspannt –, wie ihre Arbeitswoche aussieht. Es erscheint einem, als ob sie fünf Jonglierbälle gleichzeitig in der Luft hält: Justiz, Forensik, Soziale Arbeit, Referate, Supervisionen.

Sie coacht beispielsweise Führungskräfte aus dem sozialen Bereich. Wobei ihr das OST-Studium und ihre beruflichen Erfahrungen in der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) zugutekommen. Sie kenne den Kontext und sehe die blinden Flecken. «Ich bin die Realitätskellnerin.» Wenn es in Gefängnissen oder sozialen Institutionen zu Unregelmässigkeiten kommt, wird sie zu Rate gezogen. Sie analysiert Dynamiken, Teamdynamiken und Gewaltdynamiken. «Selten passiert etwas ohne spezifische Vorgeschichte.»

Eine Sanduhr und eine Karte mit einem humorvollen Sinnspruch schmücken den Eingangsbereich zur Praxis von Bettina Riederer.
Zeit und Gedanken: Ihre Praxis in Jona dekoriert Bettina Riederer mit verschiedenen Elementen.

Auch Expertin kennt Grenzen

In der Supervision leiht sie ihr Ohr denen, die schwer Verdaubares zu hören bekommen. So zum Beispiel Forensik-Fachleuten, die mit pädosexuellen Tätern arbeiten. «Ich helfe ihnen dabei, sich zu regulieren», sagt Riederer. In diesem Bereich forscht sie auch. 2023 veröffentlichte sie einen Beitrag in einem Sammelband. Der Titel: «Webcam-Kinderprostitution unter der Prämisse von modernem Menschenhandel.»

Auch wenn sie betont, sich gut abgrenzen zu können, komme sie beim Thema sexuelle Gewalt gegen Kinder an die eigenen Grenzen. «Ich habe Bilder gesehen, die ich nie mehr vergessen kann.» Und sie bleibt trotzdem engagiert, weil sie von der Wichtigkeit ihres Tuns überzeugt ist: «Es bringt etwas.» Dann etwa, wenn sie hilft, dass Fachleute weiterhin ihren Beruf ausüben können. 

Selten passiert etwas ohne spezifische Vorgeschichte.

Bettina Riederer

Irgendwie auch eine Rückkehr

Irgendwie auch eine Rückkehr Neugier bleibt ihr Kompass. Bald orientiert sich Bettina Riederer wieder einmal neu, wobei es auch eine Art Rückkehr ist: Im Dezember 2026 wird sie die Bereichsleitung Soziales und Gesundheit der Justizvollzugsanstalt Cazis Tignez im Kanton Graubünden übernehmen. Die geschlossene Anstalt verfügt über 152 Haftplätze und gilt als das modernste Gefängnis der Schweiz. Riederer sagt: «Ich habe mich entschieden, nach acht Jahren den Grossteil meiner Selbstständigkeit aufzugeben, um mich auf diese neue grosse Herausforderung zu konzentrieren.»

Braucht es bei dieser ganzen Schwere, diesen Abgründen nicht einen Cocktail an Entspannungsmethoden? Bettina Riederer lächelt, zögert die Antwort einen Moment hinaus: «Ich gärtnere, gehe mit dem Hund spazieren, lese viele Romane oder höre beim Kochen Podcasts.» Mehr private Normalität in einem Beruf voller Abnormalitäten ist fast nicht möglich.

Eine Statue der drei weisen Affen in Gold steht auf dem Fenstersims in Bettina Riederers Praxis in Jona.
Die drei Weisen Affen verdeutlichen den Umgang mit dem Schlechten.

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