Neugier war ihr Kompass
Sie absolvierte das KV in der Kunststoffindustrie. Doch das Büro war nicht ihre Welt: «Als junge Frau durfte ich Kaffee holen und lächeln.» Aber sie hielt durch, schloss die Lehre ab. Als sie der Enge des Tals nach Zürich entfloh, nahm ihre berufliche Zielvorstellung langsam Konturen an – während eines Praktikums in einer Psychiatrie: «Ich habe gemerkt, dass ich etwas mit Menschen machen will.» Es folgten «Suchjahre», wie es Riederer nennt. Sie jobbte in der Reisebranche, hinterliess viele Stecknadeln auf der Weltkarte, absolvierte die Ausbildung zur Fotografin. Doch ihre Fühler blieben ausgestreckt. Neugier war ihr Kompass.
An einem Infotag der FHS, einer Vorgängerhochschule der OST, entzündete sich ihr Interesse für die Soziale Arbeit. «Ich dachte mir: Das ist es!» Sie holte – hauptsächlich im Selbststudium – die Berufsmaturität nach. 2007 begann sie mit dem Studium der Sozialen Arbeit auf dem Campus Rorschach. Es war ihre Welt. «Dieses Studium war der Türöffner für alles, was noch kommen sollte», sagt sie rückblickend. Das Leben als Studentin gefiel ihr: «Wissen aufbereiten und dieser Hochschul-Vibe.» Sie lehnt sich einen Moment schwelgend in den Schalenstuhl ihrer Praxis zurück.
Wenn Bettina Riederer spricht, hört man ihr gerne zu. Sie erzählt anschaulich, aber nicht ausufernd. Sie nimmt die Fragen interessiert auf, wartet auch mal einen Zeigerschlag ab, bevor sie antwortet. Auch wenn sie rhetorisch in ihren Fachdisziplinen unterwegs ist, driftet sie nicht ins Belehrende ab. Man fühlt sich wie in einer Baumhütte des Vertrauens.
Interesse für den Menschen hinter der Tat
Noch während des Studiums begann sie eine karriereweisende Tätigkeit in der Strafanstalt Gmünden, Appenzellerland. Primär im offenen Vollzug, daneben in einer kleinen Abteilung, in der Insassen 23 Stunden in einer 15-m²-Zelle verbringen mussten. Gitterstäbe schoben sich vor die sanfte Hügellandschaft. Zwischen Drogendealern, Verkehrssündern und Gewaltverbrechern realisierte die junge Frau: «Ich will und kann mit jenen arbeiten, mit denen nur wenige arbeiten wollen.» Sie interessiert sich für den Menschen hinter der Tat, für die Biografie, für das Vorher, für das, was nicht in den Akten steht. Eine Maxime, die sie später zum Geschäftsmodell verfeinerte.
Auf das Studium an der FHS folgte ein Master in Kriminologie und Internationaler Justiz. Von Gmünden, in dem die Insassen Tage, Stunden, Minuten oder gar Sekunden zählten, ging sie nach Nordengland an die Sheffield Hallam University mit über 30 000 Studierenden. «Das Masterstudium war nicht ohne», sagt Riederer, «aber es hat mir getaugt.» In der Kriminologie, der interdisziplinären Wissenschaft von Kriminalität, entdeckte sie ihr Steckenpferd, das sie bis heute pflegt.
Der OST bleibt sie treu
Der FHS und später der OST blieb sie treu: ab 2014 als Lehrbeauftragte in einem Wahlpflichtmodul, wo es um Gewalt und Gewaltdynamiken ging, ab 2020 im Pflichtmodul Sozial- und Selbstkompetenz. «Wissen aufbereiten und mit den Studierenden diskutieren, das gefällt mir», sagt sie. Doch die grösste Herausforderung bahnte sich im Privaten an: 2015 wurde sie Mutter einer Tochter, für die sie ab der Geburt alleinerziehend verantwortlich war. In der ersten Zeit war sie durch die neue Rolle sehr eingenommen. «Mein Aktionsradius war entsprechend klein.»
Als die Tochter ins Kindergartenalter kam, begann Riederer mit dem Aufbau der Selbstständigkeit und der eigenen Praxis. In dieser sitzt sie heute und erzählt – immer noch entspannt –, wie ihre Arbeitswoche aussieht. Es erscheint einem, als ob sie fünf Jonglierbälle gleichzeitig in der Luft hält: Justiz, Forensik, Soziale Arbeit, Referate, Supervisionen.
Sie coacht beispielsweise Führungskräfte aus dem sozialen Bereich. Wobei ihr das OST-Studium und ihre beruflichen Erfahrungen in der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) zugutekommen. Sie kenne den Kontext und sehe die blinden Flecken. «Ich bin die Realitätskellnerin.» Wenn es in Gefängnissen oder sozialen Institutionen zu Unregelmässigkeiten kommt, wird sie zu Rate gezogen. Sie analysiert Dynamiken, Teamdynamiken und Gewaltdynamiken. «Selten passiert etwas ohne spezifische Vorgeschichte.»
Auch Expertin kennt Grenzen
In der Supervision leiht sie ihr Ohr denen, die schwer Verdaubares zu hören bekommen. So zum Beispiel Forensik-Fachleuten, die mit pädosexuellen Tätern arbeiten. «Ich helfe ihnen dabei, sich zu regulieren», sagt Riederer. In diesem Bereich forscht sie auch. 2023 veröffentlichte sie einen Beitrag in einem Sammelband. Der Titel: «Webcam-Kinderprostitution unter der Prämisse von modernem Menschenhandel.»
Auch wenn sie betont, sich gut abgrenzen zu können, komme sie beim Thema sexuelle Gewalt gegen Kinder an die eigenen Grenzen. «Ich habe Bilder gesehen, die ich nie mehr vergessen kann.» Und sie bleibt trotzdem engagiert, weil sie von der Wichtigkeit ihres Tuns überzeugt ist: «Es bringt etwas.» Dann etwa, wenn sie hilft, dass Fachleute weiterhin ihren Beruf ausüben können.
Irgendwie auch eine Rückkehr
Irgendwie auch eine Rückkehr Neugier bleibt ihr Kompass. Bald orientiert sich Bettina Riederer wieder einmal neu, wobei es auch eine Art Rückkehr ist: Im Dezember 2026 wird sie die Bereichsleitung Soziales und Gesundheit der Justizvollzugsanstalt Cazis Tignez im Kanton Graubünden übernehmen. Die geschlossene Anstalt verfügt über 152 Haftplätze und gilt als das modernste Gefängnis der Schweiz. Riederer sagt: «Ich habe mich entschieden, nach acht Jahren den Grossteil meiner Selbstständigkeit aufzugeben, um mich auf diese neue grosse Herausforderung zu konzentrieren.»
Braucht es bei dieser ganzen Schwere, diesen Abgründen nicht einen Cocktail an Entspannungsmethoden? Bettina Riederer lächelt, zögert die Antwort einen Moment hinaus: «Ich gärtnere, gehe mit dem Hund spazieren, lese viele Romane oder höre beim Kochen Podcasts.» Mehr private Normalität in einem Beruf voller Abnormalitäten ist fast nicht möglich.
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