
Herr Mühlemann, Sie haben selbst an einer Fachhochschule studiert. Was hat Ihnen dieser Bildungsweg für Ihre berufliche und politische Laufbahn mitgegeben?
Benjamin Mühlemann: Das Fachhochschulstudium hat mir eine wissenschaftlich fundierte, aber konsequent praxisorientierte Ausbildung ermöglicht. Besonders geprägt haben mich die Nähe zur Berufswelt, das vernetzte Denken und der Anspruch, Wissen in konkrete Lösungen zu übersetzen. Davon profitiere ich bis heute – beruflich wie politisch.
Was hat Sie dazu bewogen, das Präsidium von FH SCHWEIZ zu übernehmen?
Ich bin vom Wert des Fachhochschulmodells überzeugt und möchte ihm politisch und gesellschaftlich das Gewicht verleihen, das es verdient. Die Absolventinnen und Absolventen sind eine starke Gemeinschaft, deren Perspektive in der Bildungs- und Wirtschaftspolitik gehört werden muss.
Welche Rolle können Absolventinnen und Absolventen für die Weiterentwicklung ihrer ehemaligen Fachhochschule spielen?
Sie sind wichtige Botschafterinnen und Botschafter ihrer Hochschule. Mit ihrer Berufserfahrung, ihren Netzwerken und ihrem Blick auf neue Anforderungen des Arbeitsmarkts können sie wertvolle Impulse geben. Eine lebendige Alumni-Kultur stärkt deshalb auch die Hochschule selbst.
Welches Thema möchten Sie während Ihrer Präsidentschaft prioritär voranbringen?
Wir dürfen als Dachverband der Fachhochschul-Absolventinnen und -Absolventen noch selbstbewusster auftreten, damit wir besser wahrgenommen werden. Genau wie das für die Fachhochschulen selbst auch ein Ziel sein muss. Wenn man sieht, was wir in der Schweiz zur Innovationskraft und zur Wettbewerbsfähigkeit beitragen, sind Fachhochschulen in meinen Augen unter Wert verkauft.
Die Durchlässigkeit zwischen den Bildungsstufen ist zentral.
Benjamin Mühlemann, Präsident FH SCHWEIZ
Was steht ausserdem auf Ihrer Agenda?
Die Durchlässigkeit zwischen den Bildungsstufen ist zentral. Fachhochschulen sind hier bereits gut aufgestellt, aber wir müssen dafür sorgen, dass diese Wege offenbleiben und weiterentwickelt werden. Ebenso wichtig ist, dass FH-Abschlüsse ihren hohen Wert behalten. Ein weiterer Schwerpunkt ist der dritte Zyklus, also das FH-Doktorat. Ausserdem existieren für uns als Verband Herausforderungen: Das Alumni-Wesen verändert sich, und jüngere Mitglieder haben andere Bedürfnisse als frühere Generationen. Entscheidend ist deshalb, relevant zu bleiben und einen echten Mehrwert zu bieten – für bestehende Mitglieder, aber vor allem auch für neue.
Wo stehen die Schweizer Fachhochschulen heute gut da und wo besteht der grösste Handlungsbedarf?
Die Fachhochschulen sind stark in der praxisorientierten Lehre, im Wissenstransfer und in der Zusammenarbeit mit Unternehmen. Diese Leistungen besser sichtbar zu machen, ist eine grosse Chance. Gerade in der anwendungsorientierten Forschung für Unternehmen heben sich Fachhochschulen von anderen Schultypen ab. Unseren volkswirtschaftlichen Wert können wir eigentlich jeden Tag ganz konkret zeigen: Unternehmen, die mit Fachhochschulen forschen, stärken damit ihre Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit. Handlungsbedarf besteht teilweise auch bei der gesellschaftlichen Anerkennung innerhalb der Bildungslandschaft. Wir müssen die fachhochschulspezifischen Stärken wie die hohe Vernetzung mit der Praxis weiterentwickeln und unser Profil gegenüber anderen Bildungsformen weiter schärfen.
Was bedeutet gute strategische Hochschulführung für Sie und wo endet die Aufgabe eines Hochschulrats?
Ein Hochschulrat muss die langfristige Richtung, die Qualität und die finanzielle Stabilität im Blick behalten. Er setzt strategische Leitplanken, mischt sich aber möglichst nicht ins operative Tagesgeschäft ein. Dabei bringt das Gremium viel Erfahrung, ausgewiesenes Fachwissen und starke Netzwerke aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft zusammen. Dieses Know-how soll der Hochschulleitung neue Perspektiven eröffnen und gezielte Impulse für die Weiterentwicklung geben. Ich finde, an der OST gelingt uns dieses Zusammenspiel bestens.
Was lernen Sie aus Ihrer Arbeit im Hochschulrat der OST für Ihre politischen und verbandsbezogenen Aufgaben und umgekehrt?
Im Hochschulrat sehe ich unmittelbar, wie politische Entscheide im Hochschulalltag wirken. Umgekehrt kann ich politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen in die strategischen Diskussionen einbringen. Dieser Perspektivenwechsel ist für alle Rollen hilfreich.
Nicht jede Erwartung kann einfach mit zusätzlichen Mitteln beantwortet werden.
Benjamin Mühlemann, Präsident FH SCHWEIZ
Wie bringen Sie die nationale und die regionale Perspektive in die Bildungspolitik ein?
Ich versuche, nationale Rahmenbedingungen immer auf ihre konkreten regionalen Auswirkungen zu prüfen. Gleichzeitig zeigt die regionale Praxis, wo auf Bundesebene Anpassungen nötig sind. Gute Bildungspolitik muss wie gelebter Föderalismus beides verbinden: wenige übergeordnete Ziele und möglichst breite Leitplanken mit genügend Spielraum für unterschiedliche regionale Bedürfnisse und Lösungen. Als Hochschulrat erlebe ich unmittelbar, wie zentral die regionale Verankerung einer Fachhochschule ist. Ihre Nähe zu Unternehmen, Institutionen und Gesellschaft in der jeweiligen Region ist nicht einfach ein Zusatz, sondern ein wesentlicher Teil ihrer Daseinsberechtigung. Eine Fachhochschule muss in ihrer Region Wirkung entfalten und zu deren Entwicklung beitragen. Umgekehrt kann ich auf Bundesebene bei politischen Diskussionen rasch einschätzen, was Entscheide für die Hochschulen konkret bedeuten und welche Fragen sie dort auslösen.
Wie wichtig ist die regionale Verankerung einer Fachhochschule in einer zunehmend internationalen Welt?
Fachhochschulen müssen international anschlussfähig sein und gleichzeitig eng mit den Unternehmen und den Institutionen ihrer Region zusammenarbeiten. Internationale Offenheit ist wichtig, um globale Wirtschafts-, Bildungs- und Forschungsthemen rechtzeitig in zielgerichtete Anpassungen des eigenen Ausbildungs- und Forschungsangebots umzusetzen. Damit stärken Fachhochschulen sowohl den Wert ihrer Bildung wie auch ihren Beitrag für eine international wettbewerbsfähige heimische Wirtschaft.
Welche Ihrer Rollen prägt Ihre Arbeit in der Bildungspolitik heute am stärksten?
Am stärksten prägt mich vermutlich die Verknüpfung meiner verschiedenen Erfahrungen: als Absolvent, ehemaliger Bildungsdirektor, Hochschulrat, Verbandspräsident und Parlamentarier. Entscheidend ist, die unterschiedlichen Perspektiven sinnstiftend zusammenzuführen.
Wie können Hochschulen den Zielkonflikt zwischen begrenzten Mitteln und steigenden Erwartungen lösen?
Nicht jede neue Erwartung kann einfach mit zusätzlichen Mitteln beantwortet werden. Es braucht klare Prioritäten, eine sinnvolle Aufgabenteilung und den Mut, bestehende Strukturen zu überprüfen. Gleichzeitig sind Investitionen in Bildung und Innovation für die Schweiz langfristig von zentraler Bedeutung.
Passgenaue Unterstützung bei der Forschung und Entwicklung holen.
Benjamin Mühlemann, Präsident FH SCHWEIZ
Welche Leistungen der Fachhochschulen werden politisch zu wenig berücksichtigt?
Wahrscheinlich werden häufig die anwendungsorientierte Forschung und der Wissenstransfer zu KMU etwas unterschätzt. Übrigens nicht nur politisch, sondern auch von der Wirtschaft und in der Gesellschaft. Seitens der Unternehmen gäbe es noch viel Potenzial, sich passgenaue Unterstützung bei der Forschung und Entwicklung an den Fachhochschulen zu holen.
Woran liegt das?
Allenfalls gibt es Hemmschwellen. Und vielleicht haben Unternehmerinnen und Unternehmer je nachdem das Gefühl, ihr Problem sei zu trivial für ein Forschungsprojekt. Dabei bieten Fachhochschulen genau diesen einfachen Zugang zu anwendbarem Wissen für konkrete Problemlösungen. Fachhochschulen bringen wissenschaftliche Innovation sehr direkt in die Praxis. Ihr volkswirtschaftlicher Nutzen reicht deshalb weit über die Ausbildung von Studierenden hinaus.
Wie muss sich das Verhältnis zwischen grundständigem Studium und lebenslanger Weiterbildung entwickeln?
Das Leben ist heute viel schneller als vor zehn, zwanzig Jahren. Allzu viel Verbindlichkeit ist weniger gefragt. Zwar bleibt das Grundstudium weiterhin das solide Fundament. Gleichzeitig gehe ich davon aus, dass Menschen ihr Wissen künftig regelmässiger ergänzen und erneuern wollen oder müssen. Dafür braucht es flexible, durchlässige und berufsbegleitend ausgerichtete Weiterbildungsangebote, die sich gut mit Arbeit und Familie vereinbaren lassen. Die Hochschulen müssen mit passenden Lehrformaten darauf reagieren, dass Menschen heute vermehrt zeitlich und örtlich flexible Weiterbildungsmöglichkeiten suchen.
Welche Rolle spielen Fachhochschulen beim Fachkräftemangel?
Fachhochschulen bilden Fachkräfte in besonders arbeitsmarktnahen Bereichen aus und leisten damit einen zentralen Beitrag. Sie können den Fachkräftemangel aber nicht allein lösen. Auch Unternehmen müssen ausbilden, gute Arbeitsbedingungen schaffen und vorhandene Potenziale besser nutzen.
Wenn engagierte Leute kreativ zusammenarbeiten, können sie fast alles lösen. Auch in einer Zeit, in der man manchmal das Gefühl hat, es gebe mehr Herausforderungen als Lösungen.
Benjamin Mühlemann, Präsident FH SCHWEIZ
Welche Begegnung mit Studierenden, Forschenden oder Absolventinnen und Absolventen ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Besonders eindrücklich sind für mich Begegnungen mit Menschen, die ein konkretes Problem oder ein Ereignis aus ihrem Alltag aufgenommen und daraus eine innovative Lösung entwickelt haben. Immer wenn ich an eine Hochschule komme, ist es für mich extrem inspirierend zu sehen, an wie vielen Projekten gleichzeitig gearbeitet wird und wie viele Innovationen jeden Tag entstehen. Spontan kommt mir der Hangrutsch in Schwanden 2023 in meinem Heimatkanton Glarus in den Sinn. Damals wurde viel zerstört. Ein Direktbetroffener initiierte daraufhin ein Projekt mit der OST. Landschaftsarchitektur-Studierende entwickelten Lösungen für die Zukunft des betroffenen Quartiers. Und drei Jahre später wurden diese bereits im Quartier umgesetzt. Das zeigt doch deutlich, wie wertvoll der Rohstoff Wissen ist. Wenn engagierte Leute kreativ zusammenarbeiten, können sie fast alles lösen. Auch in einer Zeit, in der man manchmal das Gefühl hat, es gäbe mehr Herausforderungen als Lösungen.
Was würden Sie einer jungen Person sagen, die heute überlegt, an einer Fachhochschule zu studieren?
Wer gerne fundiert lernt und gleichzeitig praktisch etwas bewegen möchte, findet an einer Fachhochschule den idealen Entwicklungsraum. Ein FH-Studium eröffnet vielseitige berufliche Perspektiven und schafft ein starkes Fundament für die persönliche Weiterentwicklung. Entscheidend ist, einen Weg zu wählen, der zu den eigenen Talenten und Interessen passt.
Zur Person
Benjamin Mühlemann ist 47 Jahre alt und im Kanton Glarus zu Hause. Er war zehn Jahre Mitglied der Glarner Regierung, zunächst Bildungsdirektor, später Finanz- und Gesundheitsdirektor sowie Landammann. Heute ist er Ständerat und Co-Präsident der FDP Schweiz. Seine Tätigkeiten als Hochschulrat der OST – Ostschweizer Fachhochschule und als Präsident von FH SCHWEIZ machen den Fachhochschulabsolventen zu einer profilierten Stimme in der Schweizer Bildungspolitik.