«Der Übergang ist intensiv und zugleich bereichernd»

Tamara Kast und Marco Lehmann verbindet ihre Leidenschaft für lebendige Landschaftsräume. Beide haben Landschaftsarchitektur in Rapperswil studiert. 2025 übernahmen sie gemeinsam mit vier Mitarbeitern das Landschaftsarchitekturbüro Klötzli Friedli. Ein mutiger Schritt, der herausforderte und zugleich neue Perspektiven eröffnete.

«Ich wollte immer etwas Kreatives machen und habe früh gemerkt, dass mir das Zeichnen liegt», erzählt Tamara Kast. Nach der Schule entscheidet sie sich für eine vierjährige Lehre als Zeichnerin in einem Architekturbüro in Bern. Als sie später noch im Gartenbau und in der Schreinerei schnuppert, erkennt sie die Grenzen: «Mir haben das Zeichnen und das Planen gefehlt. Ich habe gesehen, wie wichtig gute Pläne auf der Baustelle sind. Oft wurde mit schlecht leserlichen Skizzen gearbeitet.» Ein Praktikum im Landschaftsarchitekturbüro Maurus Schifferli bringt schliesslich Klarheit: «Bereits am ersten Tag wusste ich – das ist mein Beruf. Jeder Tag hat mich darin bestärkt.»

2014 beginnt sie ihr Studium in Landschaftsarchitektur an der HSR in Rapperswil (heute OST) und entscheidet sich bewusst für ein Vollzeitstudium. «Ich wollte mich ganz auf das Studium konzentrieren. Es gab einfach so viele spannende Themen. Mein Stundenplan war immer übervoll. Wir hatten einen guten Mix aus Theorie, der Arbeit an Projekten und spannenden Exkursionen – eine wertvolle Basis für meine heutige Berufspraxis.» Besonders der Entwurf interessierte die angehende Landschaftsarchitektin – das Entwickeln räumlicher Ideen und Konzepte, das Denken in Möglichkeiten.

Das Bild zeigt Tamara Kast stehend und Marco Lehmann sitzend auf einer lang gezogenen Steinbank in einer Flusskurve.
Tamara Kast und Marco Lehmann gehören zum neuen Leitungsteam eines bekannten Berner Landschaftsarchitekturbüros.

Geschichten in Konzepte übersetzen

Nach Studienabschluss steigt sie beim Landschaftsarchitekturbüro Klötzli Friedli ein – auch weil die Verbindung zu Beatrice Friedli aus dem Studium prägend war. «Die Projekte ihres Büros entsprachen sehr meiner Gestaltungs- und Ideensprache.» Tamara Kast arbeitet intensiv an Wettbewerben, die auch heute zu ihren Stärken gehören. «Das konzeptionelle, abstrakte Denken liegt mir. Die Atmosphäre eines Ortes zu entwickeln, fasziniert mich.» Auch Themen wie Nachhaltigkeit, Biodiversität oder sozialräumliche Überlegungen prägen ihre Arbeit. «Die sozialen Aspekte sind viel wichtiger geworden. Wir überlegen im Entwurf: Wie leben die Menschen hier? Wie entsteht Gemeinschaft? Welche Räume fördern Begegnungen?» Die Analyse des Ortes bleibt bei der Ideenfindung ihr Fundament: «Jeder Ort erzählt eine Geschichte. Unsere Aufgabe ist es, sie zu lesen und in ein Konzept zu übersetzen.»

Aktuell leitet sie ein Projekt zum Schwimmbad Lyss, bei dem der historische Baumbestand das Konzept entscheidend geprägt hat. Ein anderes Projekt in Hilterfingen fragt danach, wie die Materialität eines alten Quartiers zeitgemäss interpretiert werden kann. «Wir arbeiten immer an verschiedenen Projekten gleichzeitig. Man muss schnell von einem Massstab oder Thema ins andere switchen können. Das macht unseren Arbeitstag spannend und abwechslungsreich.»

 Tamara Kast steht vor einem Fluss in einer kargen Winterlandschaft. Eine Hand steckt locker in ihrer Jeans.

Jeder Ort erzählt eine Geschichte. Unsere Aufgabe ist es, sie zu lesen und in ein Konzept zu übersetzen.

Tamara Kast, begeisterte Landschaftsarchitektin

Wir brauchen Räume, um voneinander zu lernen

2025 übernimmt Tamara Kast zusammen mit Marco Lehmann und vier anderen langjährigen Mitarbeitern die Klötzli Friedli Landschaftsarchitekten AG. «Der Übergang ist intensiv und zugleich bereichernd. Gemeinsam etwas Neues zu starten, ist ein schöner Prozess. Wir haben schnell gemerkt, dass wir alle in die gleiche Richtung wollen und wie befriedigend es ist, sich einzubringen, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen gemeinsam zu tragen.»

Heute verantwortet die 33-Jährige zusammen mit einem der Partner den Personalbereich, eine Rolle, die ihren Blick verändert hat. «Man sieht plötzlich das Büro als Ganzes. Jede Anstellung, jede Entscheidung wirkt sich auf die Struktur aus.» Ihre Vision für die Firma ist geprägt von Gemeinschaft. «Ich möchte den Austausch untereinander fördern. Wir brauchen Räume, in denen wir voneinander lernen können. Es ist mir wichtig, dass wir uns mehr über unsere Projekte austauschen und ein kreatives Miteinander im gemeinsamen Entwickeln entsteht.» Privat findet sie einen Ausgleich auf dem Wasser. «Segeln ist mein Hobby. Ich bin fast jedes Wochenende auf dem Bielersee und einmal im Jahr gehen wir aufs Meer. Für mich ist das die perfekte Mischung aus Natur und Freiheit. Zukünftig möchte ich meine beiden Leidenschaften weiterbringen – das Segeln und die Landschaftsarchitektur.»

Zwischen Landschaftsarchitektur und Spitzensport

Wer mit Marco Lehmann spricht, merkt schnell: In diesem Leben gibt es keine halben Sachen. Landschaftsarchitektur und Spitzensport, Wettbewerbe und Wettkämpfe, Verantwortung und Leidenschaft – all das überlagert sich, treibt ihn an, formt seinen Weg. Ein Weg, der früh im Garten seiner Eltern begonnen und auf dem Sportplatz seine Fortsetzung gefunden hat. «Ich war schon immer ein Naturkind», erzählt der 32-Jährige. «Als Kind habe ich den ganzen Garten umgekrempelt, geplant, neu bepflanzt. Irgendwie wusste ich schon damals, dass ich gestalten will – nur nicht im Büro. Das hätte mich im jugendlichen Alter schlicht unglücklich gemacht.»

Er entscheidet sich für eine Lehre als Landschaftsgärtner, will raus in die Natur, statt drinnen stille Pläne zu zeichnen. Parallel dazu beginnt ein anderer Teil seines Lebens zu wachsen: der Basketball. Er spielt in der Schweizer Nationalliga und startet seine Karriere im Spitzensport. Wettkämpfe, Reisen, harte Trainings. «Vom Sport zu leben, war schwierig. Und im Gartenbau musste ich Dinge bauen, die ich nicht verstand oder nicht schön fand. Ich wollte selbst entscheiden, wie die Grünräume aussehen, hatte Visionen im Kopf und wollte nicht nur Aufträge abarbeiten.»

Marco Lehmann steht mit verschränkten Armen vor einem Fluss in karger Winterlandschaft.

Wir haben 39 Jahre alte Strukturen übernommen. Vieles muss neu gedacht werden.

Marco Lehmann, Ex-Spitzensportler und leidenschaftlicher Landschaftsarchitekt

Voller Energie und Experimentierfreude

2015 beginnt er das Landschaftsarchitektur-Studium in Rapperswil, eine Zeit voller Energie und Experimentierfreude. «Tamara war ein Semester über mir, hatte immer Topnoten. Wir haben ganz unterschiedliche Herangehensweisen an Projekte, ihre fein in der Tonalität, meine knallig und bunt. Wenn wir zusammenarbeiten, entsteht eine spannende Synthese davon. Unsere Gedankengänge ergänzen sich gut.» Diese Erfahrung ist dann auch der Startschuss für eine neue berufliche Phase. Im Studium entdeckt er seine Richtung: den Städtebau und den Entwurf. «Das hat mich von Anfang an fasziniert: Wie wohnt und wie arbeitet man? Wie spielen Innen- und Aussenraum zusammen?» Auch die grossen aktuellen Themen beschäftigen ihn: Schwammstadt, Regenwasser, Klima. «Diese Systeme zu kombinieren und gute Landschaftsräume zu schaffen, ist unglaublich spannend.»

Im Landschaftsarchitekturbüro Klötzli Friedli wächst Marco Lehmann kontinuierlich in die Verantwortung hinein. Erst Wettbewerbe, dann Präsentationen, später die Leitung. Heute ist er mit Tamara Kast Teil der neuen Geschäftsführung, des sechsköpfigen Kollektivs, das die traditionsreiche Firma in die Zukunft führt. «Wir haben 39 Jahre alte Strukturen übernommen. Vieles muss neu gedacht werden. Aktuell bearbeiten wir 70 Projekte pro Jahr mit 17 bis 18 Mitarbeitenden, gestalten 20 Wettbewerbe und leiten noch laufende Baustellen. Mit technischen Umstellungen wollen wir effizienter werden. Wir haben gemerkt, dass unsere unterschiedlichen Persönlichkeiten eine Stärke sind. Jeder übernimmt, was er gut kann und gerne macht.»

Immer etwas Neues

Seine Bereiche sind Akquise, Wettbewerbsphase und Networking. «Ich suche immer das Neue, brauche ein gewisses Stresslevel. Mir wird sonst schnell langweilig. Die Selbstständigkeit wäre früher oder später sowieso ein Thema geworden. Diese Chance jetzt zu packen, hat sich richtig angefühlt.» Mit seinem sportlichen Hintergrund bringt er etwas mit, das in vielen fehlt: den Wettbewerb als Lebenseinstellung. «Für mich ist die Wettbewerbsphase wie der Sport, ein Kräftemessen, einmal anonym auf dem Papier und einmal physisch mit dem Ball in der Hand. Oft entstehen Projektideen während des Trainings in der Halle im Unterbewusstsein.»

Bis 2023 spielt er Basketball in der Nationalliga A und im internationalen 3x3-Basketball ist er heute noch aktiv, ist viel im Ausland unterwegs. Heute tritt er aus Überzeugung etwas kürzer. «Wenn du 15 Jahre Spitzensport machst und dazu noch Teilzeit arbeitest, kommst du schnell auf 140 Prozent. Das Privatleben kommt einfach zu kurz. Ich musste irgendwann entscheiden, was ich wirklich will.» Nach zwei gescheiteten Olympia-Qualifikationen fällt die Entscheidung zugunsten der Landschaftsarchitektur. Und sie öffnet neue Türen. Er wird als Fachjuror eingeladen und formt nun das eigene Unternehmen mit. Gleichzeitig bleibt sein Blick offen. «Ich könnte mir vorstellen, mal an der Hochschule zu unterrichten. Im Austausch mit jungen Studierenden spürt man den Zeitgeist.»

Sein Leben bleibt bewegt, aber auf eine neue, ruhigere Weise. «Ich bin in einer starken Umbruchphase», sagt Marco Lehmann von sich. «Weg vom Spitzensport, hinein in die Landschaftsarchitektur. Ich hoffe, dass wir die Firma so weiterführen können, wie wir es uns vorstellen, auch wenn die Gründer irgendwann nicht mehr dabei sind.»

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