Eine Technologie hebt ab

Bauteile wie Betonplatten und Entwässerungsrinnen sind am Flughafen Zürich enormen Belastungen ausgesetzt – von Einsatzfahrzeugen über tonnenschwere Flugzeuge bis hin zu starken Temperaturwechseln. Ein Forschungsprojekt des IBU Instituts für Bau und Umwelt der OST zeigt nun, wie gut diese Bauteile den Kräften standhalten – und deckt einen bislang unterschätzten Faktor auf.

Flugzeuge sind die Blauwale unter den Verkehrsmitteln: gross, schwer und beeindruckend dimensioniert. Allein das Fahrwerk einer Boeing 777 bringt rund 120 Tonnen auf den Boden – etwa so viel wie ein ausgewachsener Blauwal. Entsprechend hoch ist die Belastung für jene Flächen, auf denen Flugzeuge starten, landen oder auch nur stehen. Wind, Regen, Sonne, Schnee, Eis und der grossflächige Einsatz von Auftausalz belasten das Flugfeld zusätzlich. «Die Anforderungen an die Bauteile sind dadurch enorm hoch», sagt Prof. Dr. Carlo Rabaiotti, Leiter des IBU Instituts für Bau und Umwelt. Ausweichrouten gibt es kaum, die Flächen sind nahezu durchgehend ausgelastet. Jeder Ausfall kostet Zeit und vor allem Geld.

Wie stark der Flughafen Zürich beansprucht ist, verdeutlichen zwei Kennzahlen: Im Oktober 2025 verzeichnete er fast 25 000 Starts und Landungen und bewegte rund 40 000 Tonnen Fracht. Vor diesem Hintergrund startete das geotechnische Team von Carlo Rabaiotti – bestehend aus den Wissenschaftlichen Mitarbeitern Antonio Salazar Vásquez und Alessio Höttges – das Forschungsprojekt «Flughafen Zürich: Einsatz von Lichtwellenleitern zur verteilten Dehnungsüberwachung».

Ziel der Untersuchung war es, herauszufinden, wie Betonplatten und neuartige Entwässerungsrinnen auf unterschiedliche Belastungen reagieren. Die Entwässerungsrinnen sind notwendig, weil Wasser auf Beton nicht versickert; auf dem Flugfeld stellt Wasser jedoch ein Sicherheitsrisiko dar – sei es wegen Aquaplaning, Vereisung oder verstopfter Abläufe. Eine weitere Frage lautete daher: Entstehen durch die Belastung Schäden im Innern der Betonbauteile, etwa Risse, die man an der Oberfläche nicht sieht? «Wir wollten verstehen, wie sich die Betonstruktur und die Platten unter realen Lasten verhalten», sagt Rabaiotti.

Eine Boeing 777 der SWISS steht auf dem Flugfeld. Zwei Mitarbeiter der OST arbeiten an den Messgeräten.
Antonio Salazar Vásquez und Alessio Höttges beim Belastungstest mit der Boeing 777.

Zwei Kilometer Kabel verbaut

Um dies nicht nur zu simulieren, sondern tatsächlich zu messen, wurde die OST im Auftrag des Flughafens Zürich auf dem grössten Flughafen der Schweiz aktiv: Noch vor dem Betonieren des neuen Fundaments zog das IBU-Team drei verschiedene faseroptische Kabeltypen ein – für Dehnungs-, Temperatur- und Druckmessungen. Weitere Kabel wurden bei der Herstellung der Betonplatten und der Entwässerungsrinnen eingebaut. Insgesamt wurden so rund zwei Kilometer Kabel verbaut, wobei fast jeder Millimeter eine Funktion hat. «Diese Instrumentierung erlaubt uns, die gesamte Untersuchungsfläche lückenlos zu überwachen», erklärt Bauingenieur Alessio Höttges.

Für die statische Belastungsprobe fuhr der Flughafen schweres Gerät auf: einen Lastwagen mit rund 24 Tonnen Gewicht, ein 48 Tonnen schweres Flughafenlöschfahrzeug und eine Boeing 777. Die Fahrzeuge wurden jeweils in exakt definierten Positionen platziert. Die faseroptischen Sensoren registrierten daraufhin, wie sich Dehnung, Temperatur oder Druck entlang der gesamten Struktur veränderten. Das Resultat findet sich in den speziellen Computerprogrammen des IBU wieder: vollständige Verformungsprofile von Platten, Rinnen und Fundamenten.

Antonio Salazar Vásquez, der neben seiner Forschungstätigkeit am IBU an der ETH Zürich promoviert, beschreibt das Prinzip so: «In einem faseroptischen Kabel wird Licht entlang der gesamten Strecke geschickt. Wenn sich der Beton verformt oder erwärmt, verändert sich das zurückgestreute Licht minimal – und genau daraus erkennen wir an jedem Punkt, wie stark die Struktur belastet ist.»

Lastwagen für den Belastungstest auf dem Flugfeld, daneben ein Lieferwagen der OST.
Belastungstest mit einem Lastwagen (rund 24 Tonnen Gesamtgewicht). Die faseroptischen Kabel führen in den Messschacht.

Thermische Effekte übertreffen mechanische Belastungen

Die Messresultate zeigen: Die getesteten Bauteile halten den enormen Fahrzeug- und Flugzeuglasten insgesamt gut stand. Doch sie offenbaren auch einen bislang unterschätzten Einflussfaktor: die Temperatur. «Unsere Messungen zeigen, dass Temperaturveränderungen deutlich grössere Verformungen in den Betonplatten verursachen als sämtliche Fahrzeug- und Flugzeuglasten», sagt Salazar Vásquez zusammenfassend. Um das besser zu verstehen, lohnt sich ein kleiner Ausflug in die Physik: Materialien dehnen sich bei Erwärmung aus und ziehen sich bei Abkühlung zusammen. Entscheidend ist, wie stark – und das besagt der sogenannte Wärmeausdehnungskoeffizient. Verformungen stellen ein Problem dar, da sie zu ungewollten Wasseransammlungen führen oder die Funktion etwa von Rädern beeinträchtigen. Dadurch kommt es zu erhöhtem Verschleiss und einer verkürzten Lebensdauer der Bauteile.

Ein Temperaturanstieg von lediglich acht Grad Celsius – an einem milden Herbsttag – führte zu grösseren Dehnungen als das Fahrwerk der Boeing 777. Anders formuliert: Die thermische Verformung war höher als die mechanische. Diese Problematik dürfte sich künftig akzentuieren, wie Alessio Höttges betont: «Die Temperaturspanne wird in der Schweiz infolge des Klimawandels grösser werden – damit steigen auch die Belastungen für die Bauteile.» Dazu heisst es auf der Informationsplattform von MeteoSchweiz zum Klimawandel: «Die Häufigkeit sowie die Intensität extremer Temperaturen werden deutlich zunehmen.» Eine zentrale Empfehlung lautet daher: Bei der Beschaffung der Bauteile sollte verstärkt auf deren Temperaturresilienz geachtet werden. Konkret geht es etwa um die Wahl des Betons.

In der Bewehrung werden faseroptische Dehnungs- und Temperatursensoren in den Farben Blau und Rot installiert. Das rote Kabel misst die Temperatur, das blaue die Dehnung.
Installation der faseroptischen Dehnungs- und Temperatursensoren im Fundament.

Mikrofraktur im Fundament

Neben den grossen Linien gab es eine überraschende Detailbeobachtung aufgrund der Messungen: Während die Entwässerungsrinne eines Herstellers alle Belastungen schadlos überstand, zeigte das Fundament einer anderen Rinne eine Mikrofraktur, also einen sehr kleinen Riss. Die Sensoren registrierten lokale Zugdehnungen, die über dem lagen, was Beton üblicherweise toleriert. Das Ergebnis: ein feiner Riss, der sich vom unteren Bereich des Fundaments nach oben ausbreitete. Negative Auswirkungen auf die Sicherheit des Flugbetriebs hatte dieser Befund jedoch nicht. Für das Projektteam ist dies dennoch ein wichtiger Hinweis auf potenzielle Schwachstellen im Bauteildesign. Es ist aber auch ein Beispiel dafür, wie frühzeitige faseroptische Messungen kritische Entwicklungen sichtbar machen können.

Vier beteiligte OST-Mitarbeiter stehen vor einer Boeing 777 der SWISS auf dem Flugfeld des Flughafens Zürich.
Die beteiligten OST-Mitarbeiter vor der Boeing 777: Michele Demarchi, Carlo Rabaiotti, Antonio Salazar Vásquez und Alessio Höttges.

Weitere Messungen problemlos möglich

Die Messungen des IBU sind Momentaufnahmen, kein kontinuierliches Monitoring. Doch die Infrastruktur dazu ist bereits eingebaut: Die Lichtwellenleiter liegen dauerhaft im Beton. Neue Messkampagnen – auch mit anderen Fragestellungen – könnten jederzeit und ohne Bagger und Beton wieder aufgenommen werden. «Rein technisch müssten wir nur die Messgeräte wieder anschliessen», sagt Salazar Vásquez.

Professor Rabaiotti sieht im Projekt einen weiteren Meilenstein: «Der Einsatz faseroptischer Technologien liefert uns wertvolle Einblicke in das Tragverhalten von Bauwerken – nicht nur am Flughafen, sondern grundsätzlich im Hoch-, Tief- und Wasserbau.» Der im Projekt unter anderem verwendete Drucksensor ist eine Neuentwicklung im Rahmen des Projekts FibraDike, worauf die OST im August 2025 das Patent erhalten hat. Rabaiottis Fazit: «Was wir am Flughafen gelernt haben, kann dazu beitragen, Bauteile und Bauwerke künftig robuster, sicherer und langlebiger zu machen.» Die Methode gewinnt also weiter an Flughöhe.

Kontakt

Prof. Dr. Carlo Rabaiotti 
Leiter IBU Institut für Bau und Umwelt
+41 58 257 49 75 
carlo.rabaiotti@ost.ch