Innovation für den Werkplatz Schweiz
Landis hatte schon länger ein Faible für Landkarten – durch den Orientierungslauf beispielsweise. «Ich finde Schweizer Karten aber auch einfach ästhetisch ansprechend», sagt der Unternehmer. Beim Herumklicken auf der Swisstopo-Website verdichtete sich sein Faible zu einer Geschäftsidee: Kartenmuster zu stricken. Landis sagt: «Mit meinen Maschinen kann ich praktisch jedes Muster stricken.» Doch wie sollte die Kundschaft möglichst einfach ihre Wunschkarte wählen und Landis dann eine strickbare Datei erhalten?
Mit seiner Idee gelangte er ans Hightech Zentrum Aargau, das KMU mit innovativen Ideen berät. Dieses kontaktierte René Pawlitzek, Professor für Informatik am ESA Institut für Elektronik, Sensorik und Aktorik. Das Projekt habe ihn gereizt, sagt dieser. Gerade weil es um die Lösung für einen Ein-Mann-Betrieb ging. «Wir haben uns gefragt: Können wir es machen? Haben wir das Wissen dazu?» Globale Entwicklungen spielten ebenfalls eine Rolle: Die Schweizer Textilbranche – einst ein blühender Industriezweig – steht unter Druck. Fast Fashion und hohe Produktionskosten erschweren das Terrain für die helvetische Kleiderproduktion. Das ESA sagte schliesslich zu; das Hightech Zentrum Aargau und Innosuisse, die Innovationsförderagentur des Bundes, sicherten finanzielle Unterstützung.
Es sollte eine schlanke Lösung sein
Samuel Kranz, OST-Masterabsolvent und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am ESA, betont: «Uns war schnell klar, dass es eine möglichst schlanke Lösung sein sollte.» Eine, die sich in den bestehenden Webauftritt von Urs Landis integrieren lässt, ohne dass dieser einen Server, eine neue Software oder sonstige Infrastruktur anschaffen muss. So krempelten sie die Ärmel hoch, entwarfen eine Architektur und schliesslich programmierte Ingenieur Kranz ein Plugin für Landis' Webshop. Bei diesem handelt es sich um einen digitalen Design-Konfigurator. Kundinnen und Kunden können damit ihren Kartenausschnitt wählen und den Zoomfaktor bestimmen – wie man es von gängigen Karten-Apps kennt. Im nächsten Schritt kann die Kundschaft Helligkeit, Farbton und weitere Parameter verfeinern und bis zu vier Fadenfarben wählen. Die Vorschau zeigt schliesslich, wie die fertige Decke daherkommt. «Das Tool interagiert mit Swisstopo», sagt Kranz. Die Karten sind – ähnlich einem YouTube-Video – in Landis' Webshop eingebettet. Das hat mehrere Vorteile. Das Kartenmaterial vom Bundesamt für Landestopografie ist stets auf dem aktuellsten Stand und weder Urs Landis noch die bestellende Person müssen die ganze Schweiz herunterladen. Nach getätigter Bestellung erhält Landis in seinem System eine Bitmap-Datei, die er mit der Software des Strickmaschinen-Herstellers zur strickbaren Datei aufbereiten kann. Dazu braucht es nur ein paar Klicks. Mit einem Memorystick bringt er das Strickmuster auf die Maschine, die schon einige Jahre auf dem Schlitten hat. In rund zwei Stunden strickt sie eine Decke mit dem französischen Matratzenformat 200 × 140 cm oder in einer halben Stunde einen Schal. Jedes Stück ein Unikat. «Das Tool ist live und es funktioniert», stellt Samuel Kranz erfreut fest.
Optimale Lösung für konkretes Problem
Professor René Pawlitzek sieht in der Weblösung ein gelungenes Beispiel dafür, wie Digitalisierung und Automatisierung in einem jahrhundertealten Handwerk wirken können. Denn: Die textile Fertigung ist technisch wie wirtschaftlich auf eine grosse Stückzahl und eine kleine Variantenvielfalt ausgelegt. Losgrösse 1 – so heisst die Produktion von Einzelstücken im Fachjargon – ist eher die aufwändige Ausnahme. Mithilfe des digitalen Konfigurators aus Buchs konnte eine schlanke Lösung gefunden werden, die auf Bestehendem aufbaut. «Wir haben für ein konkretes Problem eine optimale Lösung gefunden», sagt Pawlitzek und freut sich, dass damit auch die Wertschöpfung in der Schweiz gestärkt wird.
Auch Urs Landis ist mit der Lösung zufrieden. Erste Bestellungen sind über den Webshop eingetroffen, gestrickt und verschickt. Doch trotz Automatisierung vermarktet sich die Topodecki nicht automatisch. Haptische Produkte wie Decken und Schals muss man anfassen, fühlen, drehen und wenden können – und vielleicht auch mal zum Mund und zur Nase führen wie einen frischgewaschenen Pullover in der Waschmittelwerbung. Dafür fährt Landis auch an Messen, um Muster zu zeigen. Die Topodecki mit dem Stadtplan von Winterthur hat seine Strickmaschine unterdessen fertiggestellt – in den Wappenfarben der Eulachstadt.
Kontakt
Prof. René Pawlitzek
Professor für Informatik
ESA Institut für Elektronik, Sensorik und Aktorik
+41 58 257 31 83
rene.pawlitzek@ost.ch


