Solartannen liefern sauberen Winterstrom aus den Alpen

In den Schweizer Bergen könnte im Winter deutlich mehr Solarstrom produziert werden. Hohe Schnee- und Windlasten machen die Anlagen jedoch komplex und teuer. Die OST – Ostschweizer Fachhochschule und das Ingenieurbüro REG.LAS haben in einem Innosuisse-Projekt eine neue Solarkonstruktion für alpine Bedingungen entwickelt. Die Reise führt ins Bündnerland, wo die sogenannte Solartanne getestet wird.

Mit dem Postauto fahren wir von Scuol talabwärts, entlang des Inns. Nach zehnminütiger Fahrt mit Blick auf die grün-grauen Hänge der majestätischen Sesvenna-Gebirgsgruppe erreichen wir eine Kreuzung. «Ramosch» steht auf dem Strassenschild, das nach links den Hang hinaufzeigt. Im malerischen Unterengadiner Dorf am Fusse des Val Sinestra sind wir richtig. Unser Weg führt noch etwas weiter, näher an den Inn. Unterhalb von Ramosch erblicken wir ein grosses Blechdach voller kleiner Tannen. Sie sind in über 20 Reihen fein säuberlich angeordnet. Von grünen Nadeln ist aber weit und breit keine Spur – dafür reflektieren tiefblaue Solarpanels das Sonnenlicht leicht in unsere Gesichter. «Das sind unsere Solartannen», sagt Alexandre Voirol, Projektleiter am SPF Institut für Solartechnik der OST.

Solarpanels in einer neuartigen Konstruktion namens Solartanne auf einem Dach einer Bergbahn.
Die besondere Form der Solartanne macht sie widerstandsfähig gegen hohe Schnee- und Windlasten – und sorgt gleichzeitig für hohe Stromerträge im Winter.

Für alpine Bedingungen entwickelt

Voirol ist Teil des Projektteams, das die Solartanne zusammen mit dem Praxispartner REG.LAS entwickelt hat und seit 2024 testet. Eine Solartanne besteht aus zwei Photovoltaik-Modulen, die in einem Winkel von 60 bis 75 Grad auf einer Unterkonstruktion aus Aluminium angebracht sind. «Die Module bilden eine stabile pyramidenförmige Konstruktion», erklärt Voirol. «Dadurch kann die Solartanne starken Windkräften trotzen und der schwere Schnee rutscht einfach von ihr ab.» Das sei ihr entscheidender Vorteil im Vergleich zu herkömmlichen Solaranlagen. Sie wurde speziell für die harschen Bedingungen der Alpen konstruiert. In den Alpen gibt es laut Voirol zwar bereits klassische Photovoltaik-Anlagen, doch von Dezember bis April oder gar Mai liefern diese kaum Strom – der Schnee bleibt auf ihnen liegen. In manchen Berggemeinden sieht man auch innovative Lösungen, wie zum Beispiel vertikal montierte Solarpanels. «Diese Konstruktionen sind allerdings teuer und verschatten zum Teil die PV-Module», sagt Voirol.

Um die Sicherheit und Langlebigkeit der Solartanne zu überprüfen, hat das SPF auf dem Solardach am Campus Rapperswil-Jona der OST verschiedene Belastungs- und Alterungstests durchgeführt. Dabei wurde auch getestet, wie gut das Solarmodul und seine Unterkonstruktion zusammen funktionieren. Die Ergebnisse: Die Solartanne hält einer drei Meter hohen Schneedecke und Böen mit Geschwindigkeiten von 50 Metern pro Sekunde stand. Dank der neu entwickelten Tests kann die Konstruktion nun auf unterschiedliche Wind- und Schneelasten ausgelegt werden – und dies kosteneffizient, wie Voirol betont.

Solartannen auf einem Dach in der Bündner Gemeinde Ramosch.
Im malerischen Unterengadiner Dorf Ramosch steht eine Testanlage mit Solartannen.
Eine Solartanne wird auf ihre Widerstandsfähigkeit getestet.
Auf dem Solardach am OST-Campus Rapperswil-Jona musste die Solartanne einiges aushalten: Das SPF prüfte sie mit eigens entwickelten Belastungs- und Alterungstests.

Hohe Winterstromerträge dank besonderer Form

Um die Solartanne unter alpinen Bedingungen selbst zu erleben, geht es weiter hinauf. Dafür nehmen wir das Postauto – oder das Auto da Posta, wie es hier heisst – zurück nach Scuol und steigen bei der Talstation in eine der 8er-Gondeln. Auf dem Weg zur Mittelstation Motta Naluns blicken wir auf die Wiesen unter uns, die in der grellen Mittagssonne liegen. Schnell wird deutlich, welches Potenzial hier bislang ungenutzt bleibt. «In den Bergen sind Solaranlagen bisher vernachlässigt worden», erklärt Projektleiter Alexandre Voirol und zeigt uns auf seinem Handy eine Karte, die die Photovoltaikleistung der Schweiz visualisiert. Darauf sind die Alpengemeinden rot eingefärbt. «Die potenzielle Solarleistung auf den Dächern in den Bergen ist gewaltig.» In Scuol wird das Potenzial aktuell nur zu zwei Prozent ausgeschöpft. «Deshalb haben wir eine innovative Lösung gesucht, um in den Alpen mehr erneuerbare Energie zu produzieren», betont Voirol. Diese Energie soll zur sicheren Stromversorgung in den Wintermonaten beitragen. «Durch ihre Form ermöglicht die Solartanne hohe Winterstromerträge», sagt Voirol.

Das Potenzial im Überblick

Projektleiter Alexandre Voirol hat berechnet, was möglich wäre, würde die Solartanne auf allen geeigneten Flachdächern (grösser als zehn Quadratmeter und auf über 1000 Metern Höhe) installiert. Rund 500 Millionen Kilowattstunden Strom könnten so pro Jahr produziert werden – genug, um bis zu 170 000 Schweizer Haushalte ein Jahr lang zu versorgen. Etwas mehr als ein Drittel davon würde im Winterhalbjahr anfallen.

Ein patentiertes System für mehr Energieeffizienz

Wir kommen auf 2142 Metern an, Mittelstation Motta Naluns. Während im Mittelland im Winter oft dichter Nebel liegt und man tagelang den Himmel nicht sieht, ist es hier sonnig. Kaum sind wir aus der Gondel gestiegen, kommt uns ein winkender Mann entgegen. «Josef», stellt er sich vor – auf über 2000 Metern Höhe gilt das freundliche Du. Urs-Josef Grüter ist sein voller Name. Er ist Inhaber der Firma REG.LAS, die die Solartanne erfunden hat. Auf dem Dach der Mittelstation Motta Naluns baut Grüter mit seinem Team gerade eine neue Anlage. Eine kleine Testanlage steht bereits seit Ende 2024 auf einem Container daneben. Sie lieferte die Daten für die Weiterentwicklung der Solartanne und ermöglicht nun den Bau der grösseren Anlage.

Nachdem wir uns von der Aussicht losgerissen haben, steigen wir aufs Dach der Mittelstation. Grüter erklärt sein patentiertes Schraubkanalsystem namens SISO.systems, das bei der Solartanne zur Anwendung kommt. «Jede Schraube passt perfekt, Vorbohren ist nicht notwendig», demonstriert er. «Die einzigartige Verbindungstechnik macht die Solartanne besonders stabil, und sie lässt sich dadurch einfach zusammenbauen.» Weil die Tannen auf einem Schienensystem montiert sind, lässt sich zudem der Winkel der Module mit wenig Aufwand anpassen. «Auf einem Quadratmeter Dachfläche erhalten wir hier eineinhalbmal so viel Solarfläche», sagt Grüter – ein Grund für die hohe Energieeffizienz der Konstruktion.

Ein Mann arbeitet auf einem Dach einer Bergbahn an einer Solaranlage.
Alexandre Voirol, Projektleiter am SPF Institut für Solartechnik der OST, entwickelt und testet die Solartanne gemeinsam mit dem Projektpartner REG.LAS seit 2024.
Blick auf eine Mittelstation, auf der Solartannen stehen.
Hoch über Scuol, auf der Mittelstation Motta Naluns, steht die zweite Testanlage mit Solartannen.

Mit Forschung zum marktreifen Produkt

Die Anlagen in Ramosch und Motta Naluns sind Pilotanlagen. In Ftan und Savognin betreibt REG.LAS unabhängig vom Forschungsprojekt zwei weitere Anlagen. Die Solartanne ist bereits marktreif und soll bis zum Abschluss des Innosuisse-Projekts 2027 weiterentwickelt werden. Eine gewisse Nachfrage ist laut Urs-Josef Grüter bereits vorhanden. Für die Marktreife war die Zusammenarbeit mit dem SPF Institut für Solartechnik entscheidend: «Das SPF konnte uns klare Daten und Fakten zu unserem Produkt liefern – das ist für uns, die Käufer und den Markt wichtig», betont Grüter. Die Kapazität, das Produkt selbst zu testen und weiterzuentwickeln, hätte sein Unternehmen allein nicht gehabt. Wertvoll waren dafür neben dem Forschungsprojekt des SPF auch drei Bachelor- und Semesterarbeiten im Studiengang Erneuerbare Energien und Umwelttechnik, die im Rahmen des Projekts zur Solartanne entstanden sind. Während Grüter die Anlage in Motta Naluns weiter aufbaut, machen wir uns auf den Weg zurück.

Zwei Männer sprechen miteinander auf dem Dach einer Bergbahn über eine Solaranlage.
Urs-Josef Grüter (links), Inhaber des Ingenieurbüros REG.LAS, und Alexandre Voirol (rechts), Projektleiter am SPF, besprechen die Montage der Messinstrumente an der Testanlage.

Schneerechner ermittelt Ertragsverluste

Auf der Rückfahrt nach Rapperswil-Jona erzählt Alexandre Voirol von einem weiteren Produkt, das aus dem Projekt hervorgehen soll: dem Schnee- und Albedo-Rechner. Albedo beschreibt, wie stark eine Oberfläche – zum Beispiel Schnee – Sonnenlicht reflektiert. Diese Lichtreflexion kann zusätzlichen Strom erzeugen. «Wenn ich in den Alpen eine Solaranlage baue, weiss ich nicht, wie viel Leistung durch den Schnee verloren geht», beschreibt er das Problem, das dieser Rechner lösen soll. Mit Satellitendaten und Angaben von MeteoSchweiz ermittelt das Tool den potenziellen Ertragsgewinn durch die Reflexion des Schnees und den Ertragsverlust durch die Schneebedeckung. «Ich gebe einfach meinen Standort ein, und der Rechner ermittelt anhand der Schneemenge und -höhe die Verluste meiner potenziellen PV-Anlage», erklärt Voirol.

Der Schnee- und Albedo-Rechner wird weiterentwickelt und soll künftig öffentlich zugänglich sein – ein weiterer Baustein auf dem Weg zu qualitativ hochwertigeren Photovoltaik-Anlagen, sichereren Renditen und mehr sauberem Winterstrom aus den Alpen.

Ein Mann zwischen den Solartannen auf dem Dach der Bergbahn.
Alexandre Voirol kontrolliert auf dem Dach der Mittelstation die Messgeräte für Temperatur, Wind und Feuchtigkeit. Die Daten zeigen, welchen Bedingungen die Solartanne ausgesetzt ist, und fliessen in ihre Weiterentwicklung ein.

Kontakt

Alexandre Voirol
SPF Institut für Solartechnik
+41 58 257 41 45
alexandre.voirol@ost.ch