RENOWAVE stösst Renovationswelle an

In der Schweiz sind rund 1,5 Millionen Gebäude energetisch dringend sanierungsbedürftig. Doch Sanierungen sind komplex – technische, finanzielle, rechtliche und soziale Fragen treffen aufeinander. Erstmals wurden in einem Projekt diese Herausforderungen gemeinsam angegangen: «RENOWAVE» liefert Wissen und Lösungen als Grundlage für eine schweizweite Renovationswelle. Das Innosuisse-Flagship-Projekt wurde von der OST – Ostschweizer Fachhochschule und der Universität Genf geleitet und mit 64 Partnern sowie 16 Forschungsgruppen umgesetzt.

Man stelle sich ein typisches Schweizer Mehrfamilienhaus vor: Baujahr 1965, im Keller das Surren der Ölheizung, im Winter entweicht die Wärme durch Wände und undichte Fenster, im Sommer staut sich die Hitze. Solche Häuser gibt es in der Schweiz viele. Rund 1,5 Millionen Gebäude sind nicht oder kaum gedämmt und vor dem Hintergrund der Schweizer Klimaziele energetisch sanierungsbedürftig.

Wie dringend dieser Sanierungsbedarf ist, zeigt sich anhand weniger Zahlen: In der Schweiz sind Gebäude für etwa 40 Prozent des gesamten Energieverbrauchs und für rund ein Drittel der CO2-Emissionen verantwortlich. Etwa zwei Drittel aller Liegenschaften werden noch fossil oder konventionell elektrisch beheizt. Der Handlungsbedarf ist enorm, trotzdem wird jährlich nur etwa ein Prozent der Gebäude saniert. Macht die Schweiz in diesem Tempo weiter, dauert es noch 100 Jahre, bis ein nachhaltiger Standard erreicht ist – weit entfernt also vom Netto-Null-Ziel bis 2050.

Doch warum wird nicht häufiger saniert? «Sanierungen sind komplexe Vorhaben – technisch, organisatorisch und finanziell», erklärt Daniel Philippen, Co-Leiter von RENOWAVE und Co-Teamleiter der Abteilung Gebäude und Thermische Netze am SPF Institut für Solartechnik der OST. Zudem seien die involvierten Akteurinnen und Akteure vielfältig: von Mieterinnen über Immobilienbesitzer und Baufirmen bis hin zu Gemeinden. Um diesen Sanierungsstau zu lösen, wurde 2022 das Projekt «RENOWAVE» gestartet. Das ambitionierte Ziel: die Dekarbonisierung des Schweizer Gebäudeparks vorantreiben.

Zwei Fachkräfte bringen Dämmmaterial zwischen den Holzbalken eines Dachstuhls an.
In der Schweiz sind rund 1,5 Millionen Gebäude energetisch dringend sanierungsbedürftig. «RENOWAVE» soll den Sanierungsstau lösen. (Symbolbild)

Über 20 Lösungen entwickelt

RENOWAVE gehört zur ersten Generation der Flagship-Projekte von Innosuisse und wurde mit 4 Millionen Franken gefördert. Das gesamte Projektbudget inklusive Eigenleistung der Wirtschaftspartner lag bei 7,7 Millionen Franken. Bis Anfang 2026 arbeiteten unter der gemeinsamen Leitung der OST und der Universität Genf 64 Umsetzungspartner und 16 Forschungsgruppen zusammen – darunter Kantone und Städte, das Bundesamt für Wohnungswesen, Baufirmen, Banken sowie der Mieterinnen- und Mieterverband. «Diese grosse Trans- und Interdisziplinarität war zentral, weil technische, finanzielle, rechtliche und soziale Fragen kombiniert wurden», erklärt Dr. Pierre Hollmuller, Co-Leiter von RENOWAVE und Leiter der Forschungsgruppe Energiesysteme an der Universität Genf. «Es ist das erste Mal, dass ein Projekt diese verschiedenen Dimensionen zusammenbringt», sagt Hollmuller. Und dies mit Erfolg: Aus RENOWAVE gehen über 20 konkrete Lösungen hervor. Dazu gehören Produkte, die noch in der Entwicklung oder bereits auf dem Markt sind, Instrumente und Leitfäden für energetische Modernisierungen und Empfehlungen auf politischer Ebene. «Mit RENOWAVE konnten wir eine Grundlage schaffen, damit Sanierungen in der Zukunft einfacher und schneller gehen», fasst Hollmuller zusammen. Das zeigen die nachfolgenden Projekte exemplarisch.

Vom kompakten Wärmespeicher bis zum Strommix-Rechner

Wer ein älteres Mehrfamilienhaus auf eine Wärmepumpe umrüsten will, benötigt je nach Anlage einen Wärmespeicher. Oft fehlt im Keller jedoch der Platz für einen grossen Wassertank. Die Firma COWA und das IET Institut für Energietechnik der OST haben die «Compact Cell» entwickelt, die dieses Problem löst. Die Compact Cell nutzt ein Phasenwechselmaterial, das beim Schmelzen viel Wärme aufnimmt und diese beim Erstarren wieder abgibt. Der Speicher braucht damit viermal weniger Platz als ein herkömmlicher Wasserspeicher. Im Rahmen von RENOWAVE wurde die Compact Cell zur Marktreife gebracht. 40 Anlagen sind in der Schweiz bereits installiert.

Gefördert durch RENOWAVE hat die Universität Genf die Online-Plattform «Horocarbon» entwickelt. Sie zeigt stündlich, wie sich der in der Schweiz verbrauchte Strom zusammensetzt und welche Treibhausgasemissionen pro Kilowattstunde damit verbunden sind. Diese CO2-Intensität schwankt stark: Im Sommer steht viel CO2-armer Strom aus Wasser- und Solarkraft zur Verfügung, während die Schweiz im Winter stärker auf Importe angewiesen ist. Da dieser Importstrom zu erheblichen Teilen aus fossilen Gas- und Kohlekraftwerken stammt, steigt die CO2-Intensität des Schweizer Strommixes deutlich. «Je mehr Gebäude künftig mit Wärmepumpen beheizt werden, desto wichtiger wird dieses Wissen», zeigt Hollmuller auf – etwa um Wärme genau dann zu erzeugen und zu speichern, wenn CO2-armer Strom im Überfluss vorhanden ist.

Hand hält eine Wärmebildaufnahme vor eine eingerüstete Hausfassade während einer energetischen Sanierung.
Das Forschungsprojekt «RENOWAVE» liefert Lösungen und Wissen als Grundlage für eine schweizweite Renovationswelle. (Symbolbild)

Hitze birgt neue Herausforderungen

Für viele Eigentümerinnen und Eigentümer sind Sanierungen organisatorisch eine Überforderung. Neben der Abstimmung der verschiedenen Gewerke – darunter Gebäudehülle, Heizung, Sanitär und Elektrik – müssen Bewilligungen eingeholt, Fördergesuche eingereicht und weitere administrative Prozesse koordiniert werden. «Der immense Koordinationsaufwand schreckt viele ab», betont Daniel Philippen. Da kommen die Gemeinden ins Spiel: «Sie können die Eigentümerschaft aktiv unterstützen, motivieren und begleiten.» Ein Werkzeugkasten von RENOWAVE mit Open-Source-Tools zur Analyse, Definition und Umsetzung von Sanierungsstrategien hilft den Gemeinden und der Eigentümerschaft dabei. Ausserdem hat die Tend AG als Wirtschaftspartnerin von RENOWAVE das Konzept eines «One-Stop-Shops» für Sanierungen umgesetzt. Eigentümerinnen und Eigentümer müssen nur anrufen und eine Ansprechperson organisiert das gesamte Sanierungsvorhaben.

Der Hitzesommer 2026 hat erneut gezeigt, wie dringend solche Sanierungslösungen sind. «Auch die Hitze stellt unsere Gebäude vor grosse Herausforderungen», sagt Philippen. Er vermutet, dass die Rekordtemperaturen mehr Dynamik ins Thema bringen werden, und betont: «Die Arbeit ist noch lange nicht zu Ende.»

Die Welle rollt weiter

RENOWAVE ist zwar abgeschlossen, doch seine Wirkung beginnt sich erst zu entfalten – davon sind die beiden Co-Leiter überzeugt. Die beteiligten Unternehmen und Forschungspartner entwickeln die neuen Produkte weiter. Gemeinden, Planerinnen und Planer, Behörden sowie Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer können die entwickelten Leitfäden und Empfehlungen nun in der Praxis einsetzen.

RENOWAVE trägt somit dazu bei, die Sanierungswelle vorzubereiten, die unsere Vorstellung vom typischen Schweizer Mehrfamilienhaus bald grundlegend verändern dürfte: Im Keller oder hinter dem Haus summt leise die Wärmepumpe, auf dem Dach erzeugen Solarpanels Strom, im Winter bleibt dank neuer Fenster die Zugluft draussen und die Heizwärme drinnen und im Sommer hilft die bessere Dämmung, die Temperaturen angenehm tief zu halten.

Kontakt

Daniel Philippen
Co-Teamleiter SPF Gebäude & Thermische Netze
SPF Institut für Solartechnik
+41 58 257 48 30
daniel.philippen@ost.ch