Eine sportliche Vision für wetterfeste Kleider

Beim Ersatz von umwelt- und gesundheitsschädlichen Ewigkeitschemikalien wie PFAS sind innovative Lösungen gefragt. Die Dimpora AG hat zusammen mit dem IWK Institut für Werkstofftechnik und Kunststoffverarbeitung der OST in einem Innosuisse-Projekt nachhaltige Membranen für Wander- und Kletterbekleidung entwickelt. Diese gewährleisten hohe Wasserdichtheit und gute Atmungsaktivität. Die beiden Partner arbeiten weiter zusammen, um den ökologischen Fussabdruck der Produkte zu verringern. 

PFAS galten lange Zeit als Goldstandard in vielen Bereichen – auch am Berg: Damit Wanderinnen und Wanderer trockenen Hemdes und trockenen Fusses auf den Gipfel gelangten, wurden die Industriechemikalien seit dem letzten Jahrhundert in Outdoor- und Sportkleidern angewendet: in funktionellen Bestandteilen wie Membranen, aber auch zur Imprägnierung. Sie sorgen wegen ihrer starken Kohlenstoffkette, die von einem lückenlosen Mantel aus Fluoratomen umgeben ist, dafür, dass die Textilien Wasser abweisen und trotzdem atmungsaktiv sind – zwei zentrale Eigenschaften für Funktionskleidung.

Doch diese Gruppe von rund 10 000 Industriechemikalien ist mit gewichtigen Nachteilen behaftet. Sie sind persistent. Das heisst: Sie sind fast nicht mehr aus der Welt zu schaffen, weshalb ihnen die Bezeichnung Ewigkeitschemikalien verliehen wurde. Sie belasten Böden und Gewässer, können in Pflanzen wandern und dort haften bleiben. In Nahrungsmitteln wie Milch, Eiern und Fleisch wurden sie nachgewiesen. Sie werden verdächtigt, Krebs zu verursachen und die Leber zu schädigen: ein Strauss an Nachteilen, der nach und nach ans Licht kommt. Deshalb haben Gesundheits- und Umweltbehörden den Ewigkeitschemikalien den Kampf angesagt. Die EU plant ein umfassendes Verbot, gewisse Untergruppen sind bereits ab Oktober 2026 nicht mehr zugelassen. Die grosse Frage lautet: Lassen sich die herausragenden Eigenschaften auch mit unschädlichen Materialien gewährleisten?

Ein Mann steht an einem Gewässer, er trägt einen Hut und eine Jacke mit Dimpora-Logo.
Ohne PFAS – und dennoch atmungsaktiv und wasserabweisend: Textilien mit Dimpora-Membranen.

Türsteherin und Rausschmeisser in einem

Eine Antwort liefert das ETH Spin-off Dimpora AG, das von Dr. Anna Beltzung und Dr. Mario Stucki gegründet wurde. Sie lernten sich während des Studiums der Chemieingenieurwissenschaften kennen. Am bisherigen Ende ihrer akademischen Laufbahn haben sie nicht nur einen Doktor der ETH im Wanderrucksack, sondern auch eine gemeinsame Vision: die Branche für Outdoorbekleidung auf nachhaltige Pfade zu lenken. «Und zwar mit Membranen, die weniger CO2 verursachen und keine toxischen Materialien verwenden», wie Anna Beltzung, technische Direktorin von Dimpora, sagt.

Membranen sind dünne Zwischenschichten, die – ähnlich wie Isolationsmaterial bei Häusern – in Kleidern und Schuhen nicht sichtbar sind. Sie werden bei einer Jacke zwischen der Aussen- und der wohligen Innenschicht aufgebracht. Dabei fungieren sie im Idealfall als Türsteherin und Rausschmeisser in einem: Sie transportieren den durch Schweiss entstehenden Wasserdampf nach aussen, lassen aber Regenwasser nicht rein.

Nachhaltigkeit ist zwar ein guter Türöffner, aber der Preis ist schlussendlich entscheidend.

Dr. Anna Beltzung, Co-Gründerin und technische Direktorin von Dimpora

In den Laboren gelingen Beltzung und Stucki vielversprechende Resultate mit nachhaltigen Materialien. «Das Problem war», sagt Anna Beltzung, «dass die Herstellungskosten dieser Membranen zu hoch gewesen wären.» Nachhaltigkeit sei zwar ein guter Türöffner, «aber der Preis ist schlussendlich entscheidend.» Deshalb holt die Dimpora AG für die Weiterentwicklung von Sane Membrane, so der Produktname, das IWK Institut für Werkstofftechnik und Kunststoffverarbeitung der OST ins Boot. Was mit einem Innovationscheck beginnt, wird in einem Innosuisse-Projekt vertieft.

Professor Daniel Schwendemann leitet den Fachbereich Compoundierung und Extrusion am IWK. Er sagt: «Beim Projekt Sane Membrane haben wir Dimpora dabei geholfen, das Produkt aus dem Labor auf die industrielle und kommerzielle Realisierbarkeit zu skalieren und den Prozess zu optimieren.» Das Problem ist vielen Entwicklerinnen und Entwicklern bekannt: Selten kann ein Verfahren, das im Labor funktioniert, eins zu eins auf den industriellen Massstab umgemünzt werden.

Wasserabweisend und dennoch atmungsaktiv: Die Innovationen von Dimpora erfüllen diese zentralen Anforderungen an Funktionsbekleidung.
Wasserabweisend und dennoch atmungsaktiv: Die Innovationen von Dimpora erfüllen diese zentralen Anforderungen an Funktionsbekleidung.

Mehrstufiges Verfahren

Bei Sane Membrane funktioniert das Verfahren wie folgt: Zunächst werden geeignete Polymere – je nach Anwendung auch recycelte, biobasierte oder biologisch abbaubare Materialien – mit Füllstoffen wie Mineralien gemischt. Die verschiedenen Zutaten werden bei dieser Compoundierung gleichmässig in der Masse verteilt. Eine homogene Masse entsteht. Das genaue Rezept bleibt – wie man es aus der Werbung für Appenzeller Käse kennt – geheim. Aus der Masse wird Granulat hergestellt. Dieses wird mittels sogenannter Extrusion, einer weiteren Spezialität des IWK, zu einer dünnen Folie gepresst. «Gleichmässig auf der gesamten Breite», wie Daniel Schwendemann erklärt. 

Anschliessend werden die als Füllstoffe verwendeten Mineralien – ohne giftige Lösungsmittel – ausgewaschen und die Membranen getrocknet. «Dabei entsteht eine mikroporöse Struktur», erläutert Anna Beltzung. Mikroporös heisst, dass die Membran kleine – von Auge nicht sichtbare – Löcher aufweist. Und hier wird der Clou von Sane Membrane offenbar: Die Poren sind so gestaltet, dass Wasserdampf – etwa von Schweiss – nach aussen transportiert werden kann, während Wasser in Form von Regen oder Schnee aufgrund der Porenstruktur und der Oberflächeneigenschaften nicht eindringen kann.

Im Techpark Eichwies in Rapperswil-Jona, wo das IWK forscht und entwickelt, wurde dieser Prozess im Laufe des Projekts mit Dimpora zigmal durchgeführt. «In einem iterativen Verfahren über etwas mehr als zwei Jahre haben wir die optimale Lösung gefunden», stellt Professor Daniel Schwendemann fest. Dabei wurde an der Zusammensetzung der Masse gefeilt und der Extrusionsprozess wurde untersucht und optimiert. Das IWK warf seine mittlerweile über 20-jährige Expertise in die Wagschale. Nach jedem Entwicklungsschritt wurden die Material- und Membraneigenschaften gründlich geprüft. «Dabei ging es auch darum, das beste Verhältnis zwischen Wassersäule und Atmungsaktivität zu finden», sagt Daniel Schwendemann.

Mikroskopischer Querschnitt einer Membran.
Mikroskopischer Querschnitt einer Membran.
Membranen auf einer Rolle. In der Outdoorkleidung sieht man sie meist nicht.
Membranen auf einer Rolle. In der Outdoorkleidung sieht man sie meist nicht.

Dimpora sieht grosses Potenzial

Die Membranen kommen mittlerweile in Jacken, Schuhen, Hosen und Handschuhen verschiedener Hersteller – zum Beispiel von Snowlife – zum Einsatz. Und sie funktionieren: am Berg, im Wald, bei Regen und Schnee. Die Dimpora AG, die in Zürich zehn Personen beschäftigt, sieht grosses Potenzial für ihre nachhaltige Lösung. Der Markt für Outdoorkleider wird auf weltweit rund 2,5 Milliarden Dollar geschätzt. «Wir sehen aber auch in der Schweiz Potenzial», sagt Anna Beltzung, «so beispielsweise bei Arbeits- und Schutzbekleidung.» Auch für Uniformen – beispielsweise von Bahnen oder Armeen – sei die Technologie geeignet. «Das ist gerade vom Recyclingaspekt her spannend», sagt sie. So würde – im Vergleich zum Privaten – bei einer Neuuniformierung ziemlich viel gleichwertiges Recyclingmaterial für die Wiederverwertung zur Verfügung stehen.

«Die Zusammenarbeit bei diesem spannenden Projekt hat super funktioniert», sagt Daniel Schwendemann. «Wir sind ein tolles Team», ergänzt Anna Beltzung. Und diese erfolgreiche Zusammenarbeit wird in einem weiteren von Innosuisse geförderten Projekt mit dem Titel «Paloma» fortgeführt.

«Es geht darum, den Auswaschprozess noch umweltverträglicher zu gestalten», erklärt Beltzung. «Konkret arbeiten wir an einer Lösung, damit für das Auswaschen nur noch Wasser benötigt wird», ergänzt Schwendemann. Dimpora und das IWK feilen weiter daran, den ökologischen Fussabdruck des Produkts zu verkleinern. Und damit dazu beizutragen, dass niemand den Ewigkeitschemikalien PFAS eine Träne nachweinen muss.

Kontakt

Prof. Daniel Schwendemann 
IWK Institut für Werkstofftechnik und Kunststoffverarbeitung
+41 58 257 49 16 
daniel.schwendemann@ost.ch