Keine Chance für fliegende Keime

Lüften, lüften, lüften heisst es seit Beginn der Corona-Pandemie. Aber wie lüften, wenn ein Raum keine Fenster hat? Mit dieser Frage wandte sich der Kinoverband ProCinema an ein Forschungsteam der OST. Mit einer Kombination aus Lasern, Sensoren und Rechenpower analysierten die Forschenden genau, wie sich von Menschen ausgestossene Aerosole in Kinosälen verhalten. Mit diesen Analysen können Kinobesitzer ihre Säle so anpassen, dass die Ansteckungsgefahr selbst dann stark verringert wird, wenn eine unwissentlich infizierte Person Aerosole ausstösst.

Das Thema Aerosole wurde mit dem Coronavirus einer breiten Öffentlichkeit zum ersten Mal bewusst. Mit jedem Atemzug, Sprechen und Husten stösst jeder Mensch die teils nur wenige Nano- bis Mikrometer grossen Tröpfchen aus. Während grössere Bestandteile schnell zu Boden sinken, schweben die Aerosole lange in der Luft und konzentrieren sich in geschlossenen Räumen. Zum Problem werden solche Aerosolkonzentrationen erst, wenn sie Krankheitserreger wie etwa das Coronavirus enthalten. 

 In einem Kinosaal sind auf den Plätzen verschiedene Pylonen verteilt. Diese simulieren die Wärmekonvektion der Kinobesucherinnen und -besucher.
Der untersuchte Kinosaal mit diversen Mess­installationen. Die Pylonen auf den Kinosesseln simulieren die Wärmekonvektion der Kinobesucher.
Die Pylonen im Kinosaal, die die Gäste simulieren, erstrahlen in orangefarbenen Tönen, sobald es dunkel wird.
Infrarotaufnahme: Die Pylonen simulieren die Wärmeabgabe der Kinobesucherinnen und Kinobesucher. So kann das Aerosolverhalten bei verschiedenen Gästekonstellationen untersucht werden.

Aerosole sichtbar machen

Ein Forschungsteam am IET Institut für Energietechnik der OST – Ostschweizer Fachhochschule entwickelte ein System, das Aerosole durch einen ganzen Kinosaal hindurch erkennen, verfolgen und auch visualisieren kann. Der Kinoverband ProCinema wollte herausfinden, wie sich Besucherinnen und Besucher im Kinosaal am besten schützen lassen. «Unser Ziel war es, verlässliche Konzepte entwickeln zu können, mit denen wir das Infektionsrisiko für durch die Luft übertragene Krankheiten langfristig wirksam reduzieren können», erklärt Architekt Marcel Waltzer, der das Projekt für ProCinema gestartet und begleitet hat. Zusammen mit der OST wurde aus dem zu Beginn von Innosuisse geförderten Projekt eine vertiefte Untersuchung mit dem Ziel gestartet, durch ein verbessertes Lüftungskonzept die Ansteckungsgefahr für Kinobesuchende an der Wurzel zu packen: Aerosole zu erkennen und ihr Verhalten in verschiedenen Situationen zu analysieren. Basierend auf diesen Analysen wurden Lüftungs- und Desinfektionskonzepte entwickelt. In einem Beispiel-Kinosaal in Zürich hat ProCinema zusammen mit der OST und weiteren Industriepartnern die neuen Konzepte umgesetzt.

Ein Mann sitzt auf einem Kinosessel, während Laser- und Lichtstrahlen das Unsichtbare sichtbar machen.
Mithilfe von Laser- und Lichtstrahlen wird das Unsichtbare sichtbar gemacht.

Lösungen für jeden Kinosaal

«Das Aerosolverhalten im Kinosaal ist sehr komplex», sagt Projektingenieur Raffael Palazzolo. Wie sich Aerosole bewegen, hängt von vielen Faktoren ab: Umgebungstemperatur und Luftfeuchtigkeit, ob und wie viele Personen sich bewegen und auch, ob sich die Abluftführung an der Decke oder unter den Sitzen befindet. Das Forschungsteam des IET hat unter der Leitung von Professor Benno Bucher verschiedene Konzepte erprobt und dafür eigene Aerosolsensoren entwickelt, die auch kleinste Tröpfchen aufspüren können. Dafür wurden Sensoren auf den Kinositzen angebracht und Wärmepylonen simulierten die Wärmekonvektion von Kinogästen. Als Testmedium wurde Rauch aus der Bühnentechnik oder E-Zigaretten-Qualm verwendet, weil sich die beiden Stoffe ideal für das Tracking eignen. Die bei jedem Sitz platzierten Sensoren haben eine individuelle ID und senden die erfassten Konzentrationen fortlaufend an einen Server, der die Daten auswertet und Rückschlüsse auf deren Ausbreitung erlaubt. Anschliessend kann genau visualisiert werden, wie sich Aerosole unter verschiedenen Bedingungen verhalten, wie z. B. variierende Lüftungssituationen, die Anzahl der Gäste oder ein grosser Aerosolausstoss einer infektiösen Person.

Das Infektionsrisiko mit keimbelasteten Aerosolen steigt, wenn sowohl die Konzentration der Aerosole wie auch die zeitliche Exposition von Personen hoch ist. Die Forscher haben deshalb verschiedene Lösungskonzepte entwickelt. Ziel ist es jeweils, Aerosole möglichst rasch aus dem Zuschauerbereich abzuführen, gezielt zu verdünnen oder mittels spezieller UVC-Strahlungsquellen zu inaktivieren. Die Keime in der Abluft können innerhalb der Lüftungsanlage durch chemische oder physikalische Mechanismen wie zum Beispiel UVC emittierende Quecksilberdampflampen deaktiviert werden, bevor ein Teil der Luft wieder in den Kinosaal geführt wird – dies aus Gründen eines angenehmen Raumklimas. Erfolgversprechend ist insbesondere eine UVC-Desinfektion im oberen Bereich des Kinosaals.

«Mit dem fertigen Sensorsetup lassen sich beliebige Kinosäle ausmessen und basierend auf den Analysen individuelle Massnahmen ableiten», erklärt Projektingenieur Roland Peterer. Das aus dem Forschungsprojekt gewonnene Wissen kann deshalb künftig für diverse Kinos, aber auch andere  öffentliche Räume in der ganzen Schweiz umgesetzt werden.

Bei der Messung helfen zwei schwarze, viereckige Sensoren mit einem kleinen Bildschirm.
Die am IET entwickelten Aerosolsensoren messen Partikelgrösse und -konzentration sowie die Raumtemperatur und die Luftfeuchtigkeit. Die Daten werden laufend an einen Server gesendet, wo sie ausgewertet und anschliessend visualisiert werden.

Weitere Informationen zum Projekt und zu den Forschungsgebieten am IET Institut für Energietechnik der OST finden Sie auf: ost.ch/aerosole