Spielerisch zur klimaneutralen Schweiz

Das Konzept einer postfossilen Stadt, also einer Stadt, die ohne fossile Energie auskommt, ist alles andere als neu. Bereits vor gut 30 Jahren gab es Ideen zu einer Umsetzung. Getan hat sich vermeintlich wenig. Nun gibt es einen interessanten «spielerischen» Ansatz, um die Problematiken auf dem Weg zur Klimaneutralität aufzuzeigen, an dem die OST mitwirkt.

«postfossilCities» ist ein computergestütztes Simulationsspiel, das vor Ort in physischer Präsenz oder virtuell stattfinden kann. Im Spiel kann die erforderliche Transformation zu einer klimaneutralen, postfossilen Wirtschaftsweise erprobt ­werden. Die Spielenden erkunden dabei in den Rollen sieben gesellschaftlicher Akteure vielfältige Herausforderungen auf dem Weg in die postfossile Zukunft: Welche Massnahmen sind prioritär und müssen sofort angepackt werden? Sollen diese im Alleingang oder mit Allianzen umgesetzt werden? Die Zeit läuft unerbittlich und die Modellresultate zeigen fortlaufend, ob man auf Kurs ist oder nicht.

Hier verhandeln die Akteure mit Schutzmasken, vor ihnen liegen verschiedene Inputs der Bevölkerung auf dem Tisch.
Im Simulationsspiel müssen die verschiedenen Anspruchsgruppen miteinander in Austausch treten und verhandeln.

Das Besondere ist, dass Studierende der OST an der Umsetzung mitgewirkt und Transfereinheiten entwickelt haben. Unter der Führung von Bärbel Bohr, Dozentin an der OST, haben Studierende der Stadt-, Verkehrs- und Raumplanung sowie der Landschaftsarchitektur in einem Kommunikationsmodul Drehbücher für die Transferphase des Spiels entwickelt und im Rahmen eines öffentlichen Workshops getestet.

Dass Studierende in die Entwicklung und Umsetzung involviert waren, macht Professorin Susanne Kytzia, Institutsleiterin des IBU Institut für Bau und Umwelt, zu Recht stolz: «Es ist sicherlich etwas Besonderes, dass Studierende hier so aktiv mitwirken konnten. Und dass wir solche Elemente in der Lehre an der OST anbieten können, ist eine tolle Sache. Gemeinsam mit den weiteren Projektpartnern ist hier hervorragende Arbeit geleistet worden.»

In einem Kreis aus Stühlen sitzen Männer und Frauen, die gemeinsam das Simulationsspiel „postfossilCities” spielen. In der Mitte des Kreises liegen auf dem Boden Ideen, die auf Zetteln notiert sind.
Mit dem Simulationsspiel zur postfossilen Stadt: Das weitere Vorgehen wird gemeinsam reflektiert und lösungsorientiert angegangen.

Spieldauer bis zu einem ganzen Tag

Das Ergebnis kann sich in der Tat sehen lassen und die Interaktion der Spielenden an den grossen Spielplänen führt zu einem sehr aktiven Spielverlauf. So müssen unter anderem verschiedene Akteursgruppen wie Politiker, Investoren oder die Bevölkerung Prozesse miteinander aushandeln. Bei den unterschiedlichen Zielen der jeweiligen Akteure und Anspruchsgruppen ein durchaus zeitintensives Unterfangen. So ist das Spiel auch nicht in Kürze gespielt, sondern kann in der Vollversion durchaus bis zu einem ganzen Tag in Anspruch nehmen.

Wen es nun in den Fingern juckt, die klimaneutrale Zukunft der Schweiz selbst in die Hand zu nehmen und seine Ideen zu verwirklichen, der kann sich an der Umsetzung versuchen. Richtet sich das Spiel zwar primär an heutige und zukünftige Entscheidungsträger/innen, die motiviert sind, sich für eine klimaneutrale Zukunft zu engagieren – z. B. Führungskräfte aus öffentlichen und privaten Institutionen oder Studierende –, so wurde auch an die interessierte Öffentlichkeit gedacht. Allen Personen soll eine Möglichkeit geboten werden, ihr Handeln bezüglich der Transformation zu nachhaltigeren, postfossilen Städten zu reflektieren.

Allerdings darf man das Spiel nicht isoliert betrachten, fliessen doch viele Aspekte in die tägliche Arbeit von Susanne Kytzia und ihrem Team ein. So spielt auch der Klimacluster unter Leitung von Zoe Stadler und Susanne Schellenberger eine wichtige Rolle. Seit Jahrzehnten warnen Forschende und Fachleute vor den Auswirkungen des Klimawandels. Durch den öffentlichen Druck sind nun Politik, Forschung und Wissenschaft gefordert, Lösungen aufzuzeigen. Und hier besteht eine der vielen Schnittstellen zu «postfossilCities», denn wie auf der Website www.klimacluster.ch geschrieben wird, erfordert «die Entwicklung von ganzheitlichen Klimastrategien die Einbindung von Expertinnen und Experten aus verschiedenen Fachbereichen». Genau dies ermöglicht «postfossilCities».

«Die Klimadiskussion ist komplex.»

Die Notwendigkeit, etwas unternehmen zu müssen, bringt Susanne Kytzia auf den Punkt: «Die Klimaziele sind unterschrieben, das kann nicht wegdiskutiert werden. Wir stehen in der Pflicht.» Dabei reichen die Ansätze von sinnvollen, nachhaltigen Dämmungen der Gebäude plus der Umsetzung von Passivenergie (bspw. Schatten) über Solarenergie und Photovoltaik bis hin zur Abkehr von fossilen Brennstoffen bei Fahrzeugen. So oder so steht für Susanne Kytzia fest, dass die Anforderungen «nur kollektiv zu bewältigen sind». Und ein grosser Traum lebt ohnehin weiter fort: die Energie in grösseren Geothermiekraftwerken aus dem Boden zu holen. Auch hier forscht das IBU Institut für Bau und Umwelt, denn diese Energiequelle bietet ein grosses Potenzial.

Doch woran hapert es bei der Umsetzung, wenn so viele Ideen auf dem Tisch liegen? Notabene an Ideen, die zeitnah umzusetzen wären. Susanne Kytzia erklärt es so: «Die Klimadiskussion ist komplex. Es finden sich leider immer wieder Gründe gegen eine Umsetzung. Es gibt aus der Sicht von bestimmten Akteuren immer wieder Argumente, den Klimaschutz nicht umzusetzen.» Besonders, wenn es an das Portemonnaie jedes Einzelnen gehen könnte.

Mit «postfossilCities» ist ein hochinteressanter Ansatz gelungen, die richtigen Argumente im wahrsten Sinne des Wortes auf den Tisch zu bringen und Lösungen zu eruieren. Für Susanne Kytzia ein wichtiger Baustein. Wobei der wichtigste Beitrag der OST für sie noch umfassender gehalten ist: «Wir können am Campus die technischen Möglichkeiten aufzeigen. Die Technik ist sozusagen unser Beitrag, den wir leisten können. Dies muss dann entsprechend verantwortungsvoll in die Hand genommen und umgesetzt werden.» Und dies möglichst schnell. So mahnt Susanne Kytzia: «Es ist bereits deutlich nach fünf vor zwölf.»

Das Simulationsspiel «postfossilCities» wird im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms NFP 73 für nachhaltige Wirtschaft des Schweizerischen Nationalfonds von der Empa in Zusammenarbeit mit der Universität Zürich, der NTNU (Norwegen), der UCS Ulrich Creative Simulations GmbH und der OST – Ostschweizer Fachhochschule entwickelt. Die Firma anders kompetent GmbH begleitet das Projekt aus der Perspektive der Umweltdidaktik. Weitere Informationen zum Simulationsspiel finden sich auf www.postfossilcities.ch.

Kontakt

Prof. Dr. Susanne Kytzia
IBU Institut für Bau und UmweltProfessorin, Leiterin des Interdisziplinären Schwerpunkts “Climate and Energy”
+41 58 257 49 17
susanne.kytzia@ost.ch