«Green your career» tönt schön und gut. Aber hätte das nicht vor 10, 15 oder 20 Jahren schon das Motto sein müssen?
Das stimmt! Das Buch «Die Grenzen des Wachstums» des Club of Rome ist im Jahr 1972 erschienen, und schon damals hätten wir uns mit der mangelnden Nachhaltigkeit unserer Gesellschaft auseinandersetzen müssen. Interessanterweise zeigt der Genuine Progress Index, dass der Wohlstand der Menschheit seit dem Jahr 1978 kontinuierlich abnimmt. Wir hätten vor 40 Jahren den Kurswechsel beschliessen müssen.

Worum geht es genau bei «Green your career»? Was war der Auslöser, dies im Rahmen des WEF so darzustellen?
Die katastrophalen Auswirkungen der Umwelt- und Klimazerstörung sind inzwischen so offensichtlich, dass sie nicht mehr ignoriert werden können. Egal ob wir etwas dagegen tun oder nicht, sie werden unsere Gesellschaft auf disruptive Weise verändern. Den Status quo gibt es nicht mehr: Wenn wir heute zu wenig in Klimaschutz investieren, müssen wir morgen viel mehr für Klimaadaption und Katastrophenschutz ausgeben. Politik und Wirtschaft fangen lang
sam an, dies zu verstehen. Wenn wir die Erderwärmung auf deutlich unter 2,0° C beschränken wollen, was vom Pariser Abkommen verlangt wird, müssen wir die globalen CO2-Emissionen in weniger als zehn Jahren etwa halbieren, was eine beispiellose Herausforderung darstellt. Es wurde viel zu lange übersehen, dass dafür nicht nur politische Entscheide, sondern auch gut ausgebildete Fachkräfte erforderlich sind. Die Fachhochschulen der Schweiz bilden jährlich weniger als 200 Personen mit der Spezialisierung Energie- und Umwelttechnik aus. Wenn ich diese Zahl Vertretern und Vertreterinnen aus der Wirtschaft zeige, werde ich ausgelacht. Ihnen ist klar, dass die Energiewende so nicht gelingen kann. Das WEF ist einverstanden und zeigt auf, wo der Bedarf am grössten ist.
Gibt es denn überhaupt entsprechenden Bedarf?
«The Guardian» hat kürzlich einen Artikel über Klondike am Polarkreis veröffentlicht. In Nordschweden wird eine der weltweit grössten Fabriken für Batterien gebaut und es entsteht ein CO2-neutrales Stahlwerk. Allein in Nordschweden fehlen momentan etwa 100 000 Personen im sogenannten Cleantech-Bereich.
Auf der einen Seite gibt es massiven Bedarf, doch parallel werden in China zig neue Kohlekraftwerke gebaut, um Solarpanels zu produzieren, die Abrodung des Amazonas-Regenwaldes ist auf einem neuen Rekordhoch – fast schon ein Widerspruch in sich. Wo muss man den Hebel ansetzen?
Den Hebel muss man dort ansetzen, wo niemand ihn ansetzen möchte: bei Konsum, Produktion und Bevölkerung. Die unangenehme Wahrheit – der Elefant im Raum – ist die Tatsache, dass Treibhausgasemissionen und Wirtschaftsleistung sehr eng gekoppelt sind. Da wir in einer Welt des globalen Wettbewerbs leben, ist niemand bereit, die Wirtschaftsleistung zu reduzieren, um die Umwelt zu schützen. Der einzige Ansatz, der verfolgt wird, ist eine Entkopplung von Wirtschaftsleistung und Umweltzerstörung, die zwar politisch praktisch wäre, aber leider physikalisch unmöglich ist. Aus dem Perpetuum mobile ist eine nachhaltig laufende Maschine geworden. Das Verschweigen des Offensichtlichen hat System. Auch im Glasgow Climate Pact der COP26 sucht man die Wörter Konsum und Bevölkerung vergeblich. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein.
Sie sind ein Mann deutlicher Worte, was das Thema Klima angeht. Warum verhallen Ihre Worte und die anderer Experten so oft ungehört?
Wer sich ein wenig für Geschichte interessiert, versteht sehr schnell, wo das Problem liegt: Ohne einen Systemwandel können wir die Klimakrise nicht meistern. Nun sind aber die Reichen und Mächtigen der Welt gerade diejenigen, die maximal vom bestehenden System profitiert haben. Und weil sie reich und mächtig sind, haben sie die Möglichkeit, den Wandel zu verhindern. Es ist kein Zufall, dass die ölproduzierenden Staaten keine Freude an der Dekarbonisierung haben. Die Geschichte wiederholt sich: Weder die katholische Kirche im Mittelalter noch die europäische Aristokratie Anfang des 20. Jahrhunderts haben freiwillig auf ihre Macht verzichtet.
Es geht gar nicht um Wissen, sondern um Macht und Geld.
Prof. Dr. Henrik Nordborg, Studiengangsleiter Erneuerbare Energien und Umwelttechnik an der OST
Sie haben bereits vor vielen Jahren, wie andere Experten auch, ziemlich exakt die heute herrschende Erderwärmung vorausgesagt. Damals wollte kaum jemand auf Sie hören. Eine bittere Genugtuung, doch recht behalten zu haben?
Den Klimawandel hat Svante Arrhenius bereits im Jahr 1895 vorhergesagt. Spätestens seit den 1970er-Jahren wissen wir alles. Es geht gar nicht um Wissen, sondern um Macht und Geld.
Im Pariser Klimaübereinkommen wurden Verpflichtungen eingegangen. Unter anderem, in der Schweiz den Treibhausgasausstoss bis 2030 gegenüber dem Stand von 1990 zu halbieren. Bis 2050 soll die Schweiz unter dem Strich keine Treibhausgasemissionen mehr ausstossen. Realistisch?
Es gibt verschiedene Studien (z. B. vom BFE), die zeigen, wie die Schweiz ohne fossile Brennstoffe auskommen kann, wie von der Gletscherinitiative verlangt wird. Wie weit solche Szenarien umsetzbar sind, ist eine politische Frage: Die gescheiterte Abstimmung zum CO2-Gesetz gibt natürlich zu denken.
Wie kann jeder Einzelne von uns jetzt und hier und heute bereits einen Beitrag leisten?
Geld sparen und möglichst wenig konsumieren – das würde immens helfen.
Im Inland fallen in der Schweiz 4,4 Tonnen CO2-Emissionen pro Kopf an. Wenigstens das muss doch in den Griff zu kriegen sein.
Auf den ersten Blick schon. Das grössere Problem sind jedoch die Emissionen der Schweizerinnen und Schweizer, die im Ausland anfallen.
Die Autos, die wir fahren, oder die Kleider, die wir tragen, werden nicht bei uns produziert und werden dem Ausland angerechnet. Somit liegt die Schweiz real bei einem Ausstoss an CO2 pro Kopf von 14,3 Tonnen. Wenn die Emissionen einfach ausgelagert werden, werden wir den Klimawandel nicht stoppen können. Deshalb sind globale Lösungen notwendig, wie z. B. ein globaler CO2-Preis.
Was heisst das genau?
Es gibt weltweit weniger als 300 Unternehmen, die fossile Brennstoffe abbauen. Wir reden eher von vielleicht 70 «big players». Diese müsste man zu einer CO2-Abgabe verpflichten, denn wir wissen exakt, was ein Unternehmen wie Shell an Emissionen für ein Fass Öl verursacht. Aus diesem globalen Fonds würde das Geld prozentual zurück an die jeweiligen Staaten fliessen. Hier würden einerseits die Entwicklungsländer massiv profitieren und könnten so ihre Infrastruktur modernisieren, Emissionen reduzieren etc. Aber auch China würde beispielsweise sofort mitziehen, denn gemessen am Pro-Kopf-Ausstoss an CO2 ist China alles andere als ein Umweltsünder. Da steht die Schweiz wie zuvor erwähnt wesentlich schlechter da – und das ist das Problem: Die reichen Staaten müssten in die Tasche greifen und möchten dies nicht, obwohl sie es könnten.
Schwierig zu verstehen, denn die Abrodung der Regenwälder, das Ozonloch, Hungersnöte, Überschwemmungen, Erdrutsche – all dies ist praktisch jedem Menschen geläufig. Immer öfter erleben wir solche Auswirkungen sogar hautnah in der Schweiz oder im benachbarten Ausland. Doch es scheint nichts zu passieren.
Dies scheint zutiefst menschlich zu sein und wurde schon von Shakespeare festgehalten: «Dass wir die Übel, die wir haben, lieber ertragen als zu Unbekanntem fliehn.» (Hamlet) Die Frage ist, was die Schweiz tun kann. Leider scheinen die meisten Schweizerinnen und Schweizer viel zu lokal und national zu denken. Der Entscheid, ob die Gletscher der Schweiz wegschmelzen werden oder nicht, wird aber nicht in Bern gefällt, sondern in Beijing oder Neu-Delhi. Sicher hat die Schweiz als reiches und fortschrittliches Land eine Vorbildfunktion und muss mit der Dekarbonisierung vorwärtsmachen. Noch wichtiger wäre es wie erwähnt, den übermässigen Konsum zu drosseln.
Für die Erde ist es vermutlich schon deutlich nach fünf vor zwölf. Läuft uns die Zeit davon, um sie zu retten? Oder ist es sogar schon zu spät?
Es ist überhaupt nicht zu spät, aber wir müssen endlich aufhören, politisches Theater zu spielen. Der oben erwähnte Glasgow Climate Pact ist ein erschütterndes Dokument. In Absatz 16 wird festgehalten, dass wir die Erderwärmung lieber auf 1,5° C begrenzen sollten, denn die Auswirkungen bei 2,0° C würden viel gravierender sein. In Absatz 17 wird bestätigt, dass dafür die globalen CO2-Emissionen bis im Jahr 2030 um etwa 50 Prozent sinken müssten. Jeder weiss, dass dies durch Technik und Innovation unmöglich ist. Die Unschuldsvermutung gilt somit nicht mehr: Die Politikerinnen und Politiker der Welt wussten, was sie mit ihren Entscheiden taten. Mit dem richtigen globalen Ansatz können wir die Kurve noch kriegen.
Die Zukunft der Erde scheint in den Händen unserer Kinder zu liegen, die entsprechend sensibilisiert sind und fachlich hochstehend ausgebildet die richtigen Skills erwerben. Doch die jetzige Generation scheint nach wie vor alles dafür zu tun, dass unsere Kinder es schwer haben dürften, die Erde zu retten.
Die Klimastreikenden haben viel geleistet, indem sie die Gesellschaft für das Thema sensibilisiert haben. Jetzt haben wir nicht die Zeit, um auf die Kinder zu warten. Die Leute, die in der Gesellschaft etwas zu sagen haben, sind die Leute in meinem Alter. Wir müssen handeln.
Mit dem richtigen globalen Ansatz können wir die Kurve noch kriegen.
Hand aufs Herz: Wo nehmen Sie die Motivation her, seit zig Jahren Dinge zu predigen, die ohne Ausnahme eintreten, aber meist verhallen, ohne dass sich merklich etwas ändert?
Dazu brauche ich eher drei Antworten.
Erstens liebe ich Herausforderungen. Ich habe viele engagierte Menschen kennengelernt und wage zu behaupten, dass wir mit diesem Netzwerk durchaus etwas bewirken können.
Zweitens kann ich nicht einfach wegschauen. Ich schlafe besser, wenn ich mich engagiere. Und zu guter Letzt gibt es ein Zitat der Wikinger, das ich sehr passend finde: «Das Vieh stirbt, die Freunde sterben, endlich stirbt man selbst. Doch eines weiss ich, das immer bleibt: das Urteil über den Toten.»
Kontakt
Prof. Dr. Henrik Nordborg
Studiengang BSc Erneuerbare Energien und Umwelttechnik,
Professor, IET, Studiengangleiter EEU
+41 58 257 43 70
henrik.nordborg@ost.ch