Eine (fast) völlig normale Werkstatt

Die Forschung über Personen mit Demenz ist schwierig und scheint ein Tabuthema zu sein. Doch ist es nicht genau dann eine Stigmatisierung, wenn man diese grosse Gruppe an betroffenen Menschen aus der Forschung ausschliesst? Aus diesem Grund wird im Lehr- und Lernort Sim-DeC – Simulation im Bereich Dementia Care in St.Gallen unter der Leitung von Josef Huber an dieser Thematik geforscht. Ein spannendes Feld, das von weithin bekannten Alltagsgegenständen bis zu Hightech-Robotern alles zu bieten hat.

Werkstatt respektive einem Forschungslabor assoziiert man vieles, aber wohl kaum Normalität. Und hier im SimDeC empfängt den Besucher ein völlig normaler Eingangsbereich, der Blick schweift nach rechts in ein völlig normales Esszimmer und auch ansonsten erscheint auf den ersten Blick nicht viel speziell zu sein. Und das ist auch gewollt so. «Das SimDeC ist eine ganz normale Mietwohnung, die wir so eingerichtet haben, dass sich möglichst alle Menschen darin wohlfühlen», erklärt Josef Huber beim Gang zur Kaffeemaschine. Der 40-jährige gebürtige Allgäuer ist seit 2020 Dozent an der OST und leitet das SimDeC.

Der Kaffee spielt übrigens eine wichtige Rolle im SimDeC. «Er hat etwas Verbindendes und dient oftmals als Türöffner für die Gespräche. Fast jeder hat eine Meinung zu Kaffee, abgesehen davon, ob er gut oder weniger gut schmeckt», so Huber. Das Fazit lässt sich dabei schnell ziehen – der doppelte Espresso schmeckt ausgezeichnet – oder wie Huber sagt: «Die Wahl der Maschine war bedarfsgerecht.» In der Küche setzt neben der geschmacklich höchst erfreulichen Erfahrung des Kaffeetrinkens das Gespräch ein. Wir unterhalten uns wie in der Küche zu Hause. Ich habe den Eindruck, ich bin in einer ganz normalen Küche.

Doch der Eindruck täuscht. Die Technik steckt im Detail. Beispielsweise neben einem Herd, der sich in speziellen Situationen entsprechend selbständig ausschalten kann, in einem Glas, das so ganz und gar nicht nach Hightech aussieht. Eine Membran, die wie ein Luftballon von der Flüssigkeit aufgebläht wird, drückt die Flüssigkeit schon bei leichten Kippbewegungen an den Glasrand. Somit kann getrunken werden, ohne den Kopf in den Nacken nehmen zu müssen. Die Gefahr, sich zu verschlucken oder etwas zu verschütten, ist minimiert. Einfach, aber höchst effizient.

Im Vordergrund ist ein Plastikgesicht als virtueller Sprachassistent zu sehen, im Hintergrund ein Forscher mit VR-Brille.
Mithilfe von Virtual Reality wird Konfusion erlebbar. Im Vordergrund ist ein virtueller Sprachassistent zu sehen, dessen Gesichter, Mimik und Augenzwinkern individualisierbar sind.

Hightech beim Debriefing

Beim Rundgang durch die Wohnung wird aber schnell klar, dass sich noch viel mehr im SimDeC verbirgt als Trinkhilfen oder Wasserkocher, die den Ausguss im unteren Bereich haben – auch hier, um ein Ausgiessen einfacher zu gestalten und speziell Menschen mit einem Tremor (Zittern) den Alltag zu erleichtern. Im Debriefing-Raum kommt dann deutlicher als in jedem anderen Raum die Hightech zum Vorschein. Von Furhat Robotics stammt beispielsweise ein Roboter, der die Interaktion von Mensch und Computer auf ein noch nie dagewesenes Niveau hebt. Abgesehen davon, dass das Gesicht des Roboters verändert werden kann (sodass er dem Gesprächspartner so sympathisch wie möglich erscheint), soll er alsbald in der Lage sein, Gespräche zu führen und mit dem menschlichen Gegenüber zu interagieren. Doch auch hier liegen Fluch und Segen nah beieinander, wie Huber ausführt: «Einerseits könnte ein solcher Roboter Prüfungssituationen simulieren und alle Studierenden gleich behandeln, hier spielen keine subjektiven Empfindungen eine Rolle. Im Umgang mit einem Demenzkranken oder einer beeinträchtigten Person kann es aber durchaus kontrovers betrachtet werden, dass eine verzerrte Realität dargestellt wird.»

Die Einschätzung, was gut oder weniger gut geeignet ist, masst sich das Team um Huber indes nicht an. Im SimDeC werden Möglichkeiten aufgezeigt und Beispiele für die Praxis erlebbar gemacht. Und so darf auch jeder selbst an der Argumentation mitwirken und die Kriterien mitbestimmen, wann ein Roboter für wen lebensdienlich sein kann. Als Beispiel dient ein Essensroboter, der ebenfalls im Debriefing-Raum zu finden ist: Innovatives Tool zur Unterstützung bei der Pflege hilfsbedürftiger Menschen oder moralisch nicht vertretbar, einen sozialen Akt des Miteinanders durch einen Roboter ausführen zu lassen?

Hier sieht man ein unscheinbares Wohnzimmer, doch ausgestattet ist es mit einer Technik, welche der Forschung dient.
Das Wohnzimmer bietet ­Aufstehsessel, veränderbares Licht und eine Gaming-Zone (Teppich).

Umfunktionierung von hippen Erfindungen

Vor dem weiteren Rundgang folgt der juristisch und moralisch wichtige Hinweis auf die Kameras in der Wohnung, die speziell im Schlafzimmer integriert sind, und darauf, dass diese nichts ohne ausdrückliche Zustimmung aufzeichnen. Das Thema Datenschutz ist allgegenwärtig. Doch zurück zu den Kameras, über deren Sinn und Zweck Huber aufklärt: «Wir können hier praxisnah mit den Studierenden beispielsweise die Pflege und das Patientengespräch oder aber auch Sturzsituationen simulieren und diese im Anschluss entsprechend auswerten.» Die Rolle der pflegebedürftigen Person wird dabei teils von Schauspielenden übernommen oder auch von den Forschenden selbst.

Dabei kommt im Schlafzimmer auch ein Hightech-Fussboden zum Einsatz, der erkennt, ob eine Person gestürzt ist, und entsprechend einen Alarm auslösen könnte. Doch auch hier hat die Technik ihre Tücken. So würde eine ausgelaufene Flasche Wasser den gleichen Effekt erzeugen.

Nebst solch hochtechnischem Equipment finden sich aber auch wesentlich bekanntere Dinge wie Lichtleisten im Schlafzimmer wieder. Dahinter steckt jedoch mehr, als man vermuten könnte. Denn wo machen diese mehr Sinn? Am Fussboden oder an der Decke? Welches Licht ist schlaffördernd? Wie lange leuchtet die Leiste, falls die jeweilige Person nachts beispielsweise ins Badezimmer müsste? Diese und zahlreiche ähnlich gelagerte Fragen finden sich an zig Stellen im SimDeC, in dem an allen Ecken und Enden geforscht wird. 
 

Dieses speziell konzipierte Bett ist ausgestattet mit einer Sturzsicherung per KI.
Das im Schlafzimmer installierte Sturzerkennungssystem arbeitet mit künstlicher Intelligenz.

Fluch und Segen der Technik

Doch die Struktur ist komplexer: «Wir lernen miteinander und voneinander, um ein gemeinsames Verständnis für Dementia Care, Technik und Beratung zu entwickeln. Wir beraten in ausgewählten Einzelfällen, um eine Plattform zu entwickeln, auf der wir unser Wissen teilen können. Und wir forschen gemeinsam, um Wissen zu entwickeln und zu verbreiten. Wir verstehen uns als wichtigen Teil eines Netzwerkes. Denn alleine können weder wir noch jemand anderes etwas bewirken. Es geht nur im Team. Zu diesem gehören Betroffene, Angehörige, Pflegende, Hersteller und die Forschung», erklärt Huber.

Beim Abschied wird dann noch einmal eindrücklich klar, dass es im SimDeC auch um Alltagsdinge geht, die ursprünglich einen ganz anderen Ansatz hatten. Ein Motorschloss an der Eingangstüre wurde für junge und hippe Menschen entwickelt. Doch den grösseren Nutzen können hierbei durchaus Personen mit Demenz erfahren, wenn sie die Wohnungstüre über den Fingerabdruck entsperren können – für den Fall, dass sie den Schlüssel vergessen haben.

Auf dem Teppich im Wohnzimmer steht der Telepräsenz-Roboter Double 3.
Double 3: Mithilfe des Telepräsenz-Roboters ist es möglich, mit der Aussenwelt in Kontakt zu treten.

Kontakt

Josef M. Huber
Departementsstab Gesundheit, Dozent
+41 58 257 12 39
josef.huber@ost.ch