Vertrauen ist die Basis

Das Vertrauen zwischen Patientinnen und Patienten und Fachpersonen ist bei der Krebsbehandlung entscheidend. Doch wodurch genau kennzeichnet sich Vertrauen und wie lässt es sich verbessern? Eine Studie im Bereich Pflegewissenschaft geht dieser Frage auf den Grund.

Millionen von Menschen sind weltweit jährlich von Krebserkrankungen betroffen. Und doch scheint die Krankheit immer noch ein Tabuthema zu sein. Ganz besonders bei gynäkologischen Erkrankungen wie Gebärmutterhals- oder Eierstockkrebs. Trotz durchschnittlich 6200 Brustkrebsdiagnosen und gut 2000 gynäkologischen Krebsdiagnosen pro Jahr in der Schweiz findet das Thema öffentlich kaum Beachtung.

Diese Formen der Krebserkrankungen sind sehr komplex, an der Behandlung sind unterschiedlichste Expertinnen und Experten über Monate hinweg beteiligt. Ein Aspekt während der Behandlung wird indes dabei oftmals noch vernachlässigt, obwohl er (mit)entscheidend zu sein scheint für eine erfolgreiche Zusammenarbeit und die Beziehung zwischen den Patientinnen und den zuständigen Fachpersonen: Vertrauen. Der Bedeutung des Vertrauens geht eine Studie mit dem Kurznamen TANGO (Trust, interprofessional collaboration and the role of the APN in the treatment pathway of women with gynaecological cancer) nach, die von der Krebsforschung Schweiz finanziell gefördert wird.

Eine Patientin mit FFP2-Maske sitzt auf dem Therapietisch, während eine Pflegefachfrau mit normalem Mundschutz sie befragt und behandelt. Im Hintergrund bereitet ein Teammitglied die Untersuchung vor.
Es ist ein Ort, an dem zwischenmenschliche Beziehungen funktionieren sollten und Vertrauen vorhanden ist, damit sich die Patientin oder der Patient aufgehoben und verstanden fühlt.

Tagebücher haben entscheidende Bedeutung

Andrea Kobleder vom IPW Institut für Angewandte Pflegewissenschaft der OST, die das Projekt leitet, bringt die Ausgangslage auf den Punkt: «Im Moment wissen wir noch zu wenig darüber, was Vertrauen für Patientinnen genau bedeutet und welchen Stellenwert hier die spezialisierten Pflegefachpersonen haben.» Diverse Studien belegen zwar seit Jahren die Bedeutung von Vertrauen in die Gesundheitsfachpersonen, doch ein entscheidender Punkt wurde dabei aussen vor gelassen, wie Kobleder ausführt: «Es wurde in bisherigen Studien vernachlässigt zu beschreiben, was Vertrauen überhaupt bedeutet und wie es entsteht. Dies steht im Fokus unserer Studie.»

In der Studie eingebunden sind Patientinnen mit einer gynäkologischen Krebserkrankung. Wichtigster Bestandteil ist dabei eine Art digitales Tagebuch, das jede Patientin via die Messenger-App Threema während der Behandlung führt. Schriftliche Aufzeichnungen, Ton- oder Videoaufnahmen zur Behandlung selber sowie insbesondere zum Vertrauen – in das Vorgehen und die behandelnden und betreuenden Personen – stehen dabei im Fokus. Das Spezielle bei den Einträgen ist, dass diese zeitnah erfolgen. Die Patientinnen müssen nicht reflektieren, was vor einigen Wochen erfolgte, denn dabei ginge zu viel Wissen um das Erlebte verloren. Stattdessen werden Informationen, Eindrücke oder auch Stimmungen unmittelbar via Threema wiedergegeben.

Über das digitale Tagebuch hinaus gibt es regelmässig Fragebögen, die die Patientinnen ausfüllen und in denen es insbesondere um die Themen Lebensqualität und – einmal mehr – Vertrauen geht. Auf den Daten der digitalen Tagebücher und Fragebögen bauen Interviews in bedeutsamen Phasen der Krebsbehandlung auf. Und diese sind belastend genug. Vor oder nach Operationen oder während eines Bestrahlungszeitraums sind die Patientinnen physisch wie psychisch extrem belastet. Dabei hat das Führen eines digitalen Tagebuchs zusätzlich einen therapeutischen Aspekt, wie Kobleder erklärt: «Der Ansatz des Storytelling ist aus der Psychotherapie bekannt und kann den Patientinnen zusätzlich helfen, das Erlebte zu verarbeiten, indem sie darüber sprechen und sich mitteilen. Für uns ist jedoch die Datenerhebung aus den Aufzeichnungen der entscheidende Aspekt.»

Im Portrait ist Prof. Dr. Andrea Kobleder zu sehen. Sie ist Leiterin des Kompetenzzentrums OnkOs und Studienleiterin des MAS in Palliative Care.
Prof. Dr. Andrea Kobleder ist Leiterin des Kompetenzzentrums OnkOs und Studienleiterin des MAS in Palliative Care.

Ziel klar vor Augen

Finalisiert wird das Bild durch Interviews mit Fachpersonen, die in die Behandlung involviert sind. Was Vertrauen in der Beziehung zwischen Patientin und Gesundheitsfachperson bedeuten bzw. bewirken kann, macht sie an einem einfachen Beispiel deutlich: «Allein das Wissen, sich jederzeit beispielsweise bei der Pflegefachperson melden zu können und mit jedem Problem ernst genommen zu werden, kann dazu führen, sich bei Komplikationen oder Nebenwirkungen wesentlich früher und somit rechtzeitig zu melden. Dies ermöglicht es, entsprechend reagieren zu können und frühzeitig Unterstützung zu ermöglichen.»

Das Ziel der Studie hat Kobleder klar vor Augen, es tönt auch weniger als Wunsch denn als Hoffnung, welche die Bedeutung des Forschungsprojektes unterstreicht: «Ich wünsche mir, dass dank unserer Ergebnisse in Zukunft Fachpersonen, Spitäler und Organisationen mehr vertrauensfördernde Elemente in die Behandlung einfliessen lassen.»

Ziel der TANGO-Studie
In dieser Studie sollen Frauen mit Brust- und gynäkologischen Krebserkrankungen auf ihrem Behandlungsweg eng begleitet werden. Dabei liegt der Fokus auf dem Thema Vertrauen im interprofessionellen und interorganisationalen Kontext sowie auf der Rolle von spezialisierten Pflegefachpersonen. Es soll gelernt werden, die Perspektive der Betroffenen besser zu verstehen.

Methode
Die geplante Studie weist ein sequenzielles Mixed-Methods-Design auf. In zwei ausgewählten gynäkologischen Behandlungszentren zweier Schweizer Sprachregionen (Spital Sitten, Luzerner Kantonsspital) nehmen zwölf Patientinnen an der Studie teil sowie zehn ausgewählte Fachpersonen.

Kontakt

Prof. Dr. Andrea Kobleder
IGW Institut für Gesundheitswissenschaften
Professorin
+41 58 257 15 33
andrea.kobleder@ost.ch