Die Stadt wird zur Hochschule

Wie Studierende in St.Gallen den Campus neu erfinden – zwischen Velotunnel, Lokremise und einem Turm, der sich zur Stadt öffnet. Einblick in die Jahresausstellung «learning from Geltenwilenstrasse 4» der ArchitekturWerkstatt.

Wer vom Hauptbahnhof St.Gallen Richtung Güterbahnhof läuft, bewegt sich durch einen Stadtraum, der selten als zusammenhängendes Ganzes wahrgenommen wird. Gleise, Unterführungen, Brandwände und Restflächen prägen das Bild. Dazwischen liegen einzelne Gebäude, die vor allem eines gemeinsam haben: Sie scheinen wenig miteinander zu tun zu haben.

Genau hier setzt die ArchitekturWerkstatt der OST im Frühlingssemester 2026 an. «Statt einen neuen Campus auf der grünen Wiese zu entwerfen, untersuchen die Studierenden eine andere Möglichkeit: Was passiert, wenn die Stadt selbst zum Campus wird?», erklärt die Leiterin der ArchitekturWerk-statt, Anna Jessen.

Studierende diskutieren vor einem grossen Stadtmodell.
Bestehende Gebäude werden erweitert statt ersetzt. Infrastruktur wird zu öffentlichem Raum. Kulturorte übernehmen Funktionen des Campus. Freiflächen werden als zentrale Ressource verstanden.

Fachhochschulzentrum mit eleganter Erweiterung

Die Frage ist Teil des Jahresthemas «Reparieren». «Gemeint ist damit nicht die Rückkehr zu einem früheren Zustand, sondern das Weiterdenken bestehender Orte. Nicht abreissen und neu bauen, sondern ergänzen, verbinden und neu interpretieren», erklärt Architekturprofessorin Jessen bei einem Rundgang durch die Geltenwilenstrasse 4, ein gewachsenes Konglomerat aus mehreren Bauten, Nutzungen und Zeitschichten, das vom Kanton St.Gallen extra für diesen Kurs zur Verfügung gestellt wurde. Die Hochschule werde dabei nicht als einzelnes Gebäude, als Campus, verstanden, sondern als Netzwerk aus Räumen, Nutzungen und Begegnungen.

Diese Haltung zeigt sich besonders deutlich in den Projekten, die entlang des Bahnhofsgebiets entstehen: Der bestehende Fachhochschulturm wird dabei zum Ausgangspunkt einer grundsätzlichen Frage: Wie viel Hochschule braucht ein Hochschulgebäude überhaupt? Statt einen Ersatzbau vorzuschlagen, erweitern die Studierenden Conrad Mäckler und Olin Meier den Turm durch einen Anbau bis an die normativen Grenzen. Die zusätzliche Baumasse bleibt überraschend zurückhaltend – sie fügt sich sogar äusserst elegant ins Stadtbild ein. «Entscheidend ist weniger die Höhe als die Beziehung zur Stadt», sagt Jessen. «Auf dem Niveau der Bahnhofsunterführung entsteht ein neues Erdgeschoss, das den Turm mit dem öffentlichen Raum verbindet. Aus einem weitgehend isolierten Gebäude wird ein urbaner Ankunftsort.» Heisst: Wer die Unterführung verlässt, betritt nicht länger die Rückseite eines Campus, sondern dessen Eingang.

Velotunnel – vom funktionalen Raum zum Aufenthaltsraum

Wenige hundert Meter weiter verschwindet «die Hochschule» sogar vollständig unter der Erde. Ein grosszügiger Velotunnel unter den Bahngleisen verbindet den Campus am Güterbahnhof mit dem Standort beim Hauptbahnhof. Doch der Tunnel ist weit mehr als reine Infrastruktur. Die Studierenden Sina Frischknecht und Patrick Barmettler stellen sich eine breite, helle Halle vor, die Fussgängern und Velofahrerinnen gleichermassen dient. An heissen Sommertagen wird der unterirdische Raum zum kühlen Rückzugsort. Die Verbindung zwischen zwei Standorten verwandelt sich in einen eigenständigen Aufenthaltsraum – einen Ort, an dem man sich nicht nur bewegt, sondern auch verweilt.

Das heutige SBB-Gebäude zwischen Haupt- und Appenzellerbahnhof wird zu einem CineSaal umgenutzt.
Das heutige SBB-Gebäude zwischen Haupt- und Appenzellerbahnhof wird zu einem CineSaal umgenutzt.

Lokremise wird zur Mensa

Während der Velotunnel die Campusorte verbindet, entwickelt ein anderes Projekt einen neuen Mittelpunkt. Die Lokremise, heute bereits Kulturort und Treffpunkt, erhält ein kreisförmiges Dach. «Die Intervention nimmt die charakteristischen Kreisformen des Bestands auf, ohne sie zu kopieren», erklärt Anna Jessen und zeigt auf das 16 Meter lange Stadtmodell im Massstab 1:100, das die Studierenden Vivienne Biedermann und Max Mario Lüscher «gebaut» haben.

Zwischen Lokremise und Fachhochschulturm fällt eine weitere Entscheidung auf: Hier wird bewusst nicht gebaut. Wo an vielen Orten zusätzliche Verdichtung gefordert wird, schlagen die Studierenden das Gegenteil vor. Die Parzelle zwischen Lokremise und Turm bleibt frei. Es entsteht ein grosszügiger Park in der Mitte des Campus. Der Freiraum wird zum verbindenden Element zwischen den verschiedenen Gebäuden und Nutzungen. Während sich die Hochschule an vielen Orten in die Stadt verteilt, erhält sie hier eine gemeinsame grüne Mitte.

Grenzen lösen sich auf

«Die Projekte zeigen exemplarisch, worum es der ArchitekturWerkstatt geht. Die Hochschule erscheint nicht als abgeschlossener Gebäudekomplex, sondern als Teil eines grösseren städtischen Zusammenhangs. Bestehende Gebäude werden erweitert statt ersetzt. Infrastruktur wird zu öffentlichem Raum. Kulturorte übernehmen Funktionen des Campus. Freiflächen werden als zentrale Ressource verstanden», sagt Anna Jessen, die den Studiengang Architektur leitet.

Auch die übrigen Entwürfe folgen dieser Logik. Lernräume werden zu Musikschulen, Seminarräume zu Vereinshäusern, Werkstätten zu Repair-Cafés und Vortragssäle zu Kinos. Die gleichen Räume erfüllen unterschiedliche Aufgaben und werden von unterschiedlichen Gruppen genutzt. Die Grenze zwischen Hochschule und Stadt beginnt sich aufzulösen.

Der St.Galler Kantonsbaumeister Erol Doguoglu kommt hinzu und wirft einen Blick auf das Innenstadtmodell: Die Arbeit der Studierenden, dieses Out-of-the-Box-Denken sei fantastisch, sagt er. «Die bestehenden Beziehungen des Städtebaus werden sichtbar gemacht und neu interpretiert.» Mit diesem Weiterdenken im Bestand könne man die stadträumlichen Qualitäten stärken: Ideen, die auch für ihn als Kantonsbaumeister wertvoll seien.

Die in der Jahresausstellung «learning from Geltenwilenstrasse 4» gezeigten Arbeiten entstanden im Studienjahr 2025/26 unter Beteiligung fast aller Module, Studierenden und Dozierenden der ArchitekturWerkstatt St.Gallen. Die im Artikel beschriebene Semesterarbeit zum Campus St.Gallen wurde zusammen mit den Gastdozenten Oliver Burch, Jakob Junghanss, Lukas Ryffel, Florian Zierer und Adrian Dorschner unter der Leitung von Prof. Anna Jessen konzipiert und durchgeführt. Die Entwürfe und Videos wurden massgeblich betreut durch die wissenschaftlichen Mitarbeitenden: Lukas Meier, Johannes Walterbusch, Katarina Reinhold, Lena Paulsson, Timo Fust, Florin Högger und René Caamaño Parada. 

Kontakt

Prof. Anna Jessen
Leiterin ArchitekturWerkstatt
+41 58 257 12 88
anna.jessen@ost.ch