Die Hoffnungsträgerinnen

Das Kompetenzzentrum für Psychische Gesundheit der OST – Ostschweizer Fachhochschule leitet das Projekt Peerberatung St.Gallen. Bei diesem schweizweiten Pioniervorhaben wird ein neues Beratungsangebot in die Gesundheitsversorgung implementiert und evaluiert. Das Angebot ist niederschwellig und die Beratungen führen ausgebildete Peers durch.

Eine belastende Beziehung stürzt Melina Wälle in eine tiefe Krise. In deren Verlauf erlebt sie Überwachung, emotionale Belastungen und eine zunehmende soziale Isolation. Die Fachfrau Gesundheit verliert Freunde, Freude und Festanstellung. Wegen eines Rückenleidens nimmt sie Medikamente. Diese lindern nicht nur den körperlichen, sondern vor allem auch den emotionalen Schmerz. «Ich wusste zwar, dass ich Hilfe brauche», sagt Wälle, «aber ich habe mich geschämt.» Sie war überzeugt, eine Fachperson müsse sich selbst helfen können. Schliesslich weist sie sich selbst in eine psychiatrische Klinik ein. Diagnose: schwere Depression, Opiatabhängigkeit und Angststörung. Es folgen Therapien.

Zwei Personen sitzen auf einer Bank und unterhalten sich.
Ein Gespräch auf Augenhöhe zeichnet die Peerberatung aus.

Expertinnen aus eigener Erfahrung

Auch Andrea Uebelhard hat psychische Erschütterungen erlebt. Heute sind sie und Melina Wälle als Peer-Beraterinnen tätig. In dieser Rolle begleiten sie Menschen als Expertinnen aus eigener Erfahrung auf ihrem Genesungsweg. Hierfür haben sie die Weiterbildung Experienced Involvement (EX-IN) absolviert, in der sie ihre Geschichten reflektiert und gelernt haben, ihre Erfahrungen in die Begleitung anderer Menschen einfliessen zu lassen. Wälle und Uebelhard sind auch für die Peerberatung St.Gallen tätig. Dieses Angebot unterstützt Menschen mit unterschiedlichen Problemen wie Schlafstörungen, Stress, Essstörungen oder risikoreichem Trinkverhalten. Kurzum: alle Menschen, die psychisch herausgefordert sind und niederschwellige Hilfe suchen.

Das Angebot, das durch den Kanton St.Gallen finanziert wird, befindet sich seit 2022 im Aufbau und bietet seit 2023 Beratungen an. Seit 2025 ist es am Kompetenzzentrum für Psychische Gesundheit der OST angesiedelt. «Übergangsweise», sagt Projektleiter Nicolaj Sprecher von der OST. Denn: «Die Idee ist, dass die Peerberatung langfristig von einem eigenständigen Träger angeboten oder an eine geeignete Organisation angeschlossen wird.» Die OST begleitet das Pilotvorhaben wissenschaftlich. Konkret geht es um eine Evaluation. Aber auch um vorbereitende Schritte, um die Peerberatung nachhaltig in der Gesundheitsversorgung zu implementieren. Nicolaj Sprecher, der an der OST seinen Bachelor und Master absolviert hat, bearbeitet das Thema auch in seiner Doktorarbeit an der Universität Witten/Herdecke.

144 Beratungsgespräche in einem Jahr

Die Peerberatung steht allen Menschen mit Wohnort im Kanton St.Gallen offen. Im Jahr 2025 nahmen insgesamt 37 Personen diese in Anspruch. Insgesamt fanden 144 Beratungsgespräche statt. Doch wie läuft eine solche Beratung ab? Andrea Uebelhard erklärt: Die Menschen würden sich – per Telefon, WhatsApp oder Mail – melden. Dann wird die Triage vorgenommen: Abhängig von den Themen und Anliegen der unterstützungssuchenden Person wird eine geeignete Peer-Beraterin oder ein geeigneter Peer-Berater zugeteilt. 

Die zugeteilte Peer-Person nimmt Kontakt auf und es wird ein erstes Treffen vereinbart. Gesamthaft können bis zu sechs Termine vereinbart werden. Personen, die in einer akuten psychischen Krise stecken – also beispielsweise suizidal sind –, werden an eine psychiatrische Klinik verwiesen. Für viele andere Themen – von Beziehungsproblemen über Selbstbild bis zu herausfordernden Lebenssituationen – findet sich eine Peer-Person. Pro Termin bezahlt die hilfesuchende Person einen symbolischen Beitrag von fünf Franken, die restlichen Kosten trägt der Kanton St.Gallen.

 Melina Wälle ist Dozentin, Projektmitarbeiterin und Peer-Beraterin.

Manchmal geht es ums Zuhören, manchmal wollen sie mehr über meine Krankheitsgeschichte oder den Genesungsprozess erfahren.

Melina Wälle, Peer-Beraterin

Auf einen Spaziergang

«Wir treffen uns beispielsweise zum Kaffee oder gehen spazieren», sagt Andrea Uebelhard. Die gemeinsame Bewegung an der frischen Luft habe sich als ideal erwiesen. «Das macht etwas mit dem Gehirn.» Nicht selten fliessen Tränen. «Taschentücher habe ich immer dabei.» Melina Wälle fügt an: «Ich weiss, wie sich Hilflosigkeit, Trauer oder Angst anfühlen.» Auch deshalb könne sie den hilfesuchenden Personen auf Augenhöhe begegnen. Die Gespräche verlaufen sehr individuell. «Manchmal geht es ums Zuhören, manchmal wollen sie mehr über meine Krankheitsgeschichte oder den Genesungsprozess erfahren.» Andrea Uebelhard ergänzt: «Vielen hilft es, wenn sie merken, dass sie mit einer Krise nicht allein sind.»

Beide haben auch schon in Kliniken und Institutionen als Peers gearbeitet. Vermehrt setzen auch Einrichtungen wie Psychiatrien und Wohnheime auf den Erfahrungsschatz von Betroffenen – als Ergänzung zum therapeutischen Angebot. Der Nutzen des Peer-Ansatzes ist mittlerweile gut belegt: «Aus Studien weiss man, dass Peer-Arbeit einen positiven Effekt auf beispielsweise Hoffnung, Selbstwirksamkeit und Empowerment haben kann», sagt Projektleiter Sprecher. 

Dennoch: «Was der Kanton St.Gallen und die OST mit diesem Projekt verfolgen, hat Pioniercharakter.» Vor allem, weil es sich um ein ambulantes und niederschwelliges Angebot handelt, das allen Personen mit Wohnsitz im Kanton offensteht. Ein vergleichbares Angebot gebe es nirgendwo sonst in der Schweiz. Die Hoffnung sei, dass sich auch andere Kantone oder Städte von den Erfahrungen aus der Ostschweiz inspirieren lassen. «Ein solches Angebot», sagt Sprecher, «hat das Potenzial, das ausgelastete Versorgungssystem zu entlasten.»

Andrea Uebelhard ist als Peer-Beraterin tätig.

Wir treffen uns beispielsweise zum Kaffee oder gehen spazieren. Taschentücher habe ich immer dabei.

Andrea Uebelhard, Peer-Beraterin

Neue Perspektiven geben Kraft

Doch was hat Melina Wälle und Andrea Uebelhard auf dem Pfad der eigenen Genesung geholfen? Wälle lernte während ihrer Krisenzeit einen neuen Partner kennen, sie wurde schwanger. Das sei für sie ein Weckruf gewesen, eine Art positiver Schock. «Ich wollte es für mein Kind schaffen.» Ungeahnte Ressourcen setzten sich frei. Fortan liess sie die Finger von Medikamenten. Heute ist sie Mutter von drei Kindern, arbeitet als Dozentin an der OST und teilt ihr Wissen in der Weiterbildung CAS Personzentrierte psychische Gesundheit mit Fach- und Führungskräften. «Und das ohne Hochschulabschluss», sagt Melina Wälle und zuckt – immer noch etwas ungläubig – mit den Schultern.

Andrea Uebelhard schöpfte auch durch die Perspektive Kraft, als Peer arbeiten zu können: «Die Aussicht auf eine sinnstiftende Tätigkeit.» Als Peer-Beraterin ist sie seit mittlerweile über zehn Jahren tätig. Sie sieht vor dem inneren Auge ein Bild: das eines Peer-Hauses. Mit Kräutergarten, einem Atelier, einem Café. Ein Bild der Hoffnung.

Ein Porträtfoto von Projektleiter Nicolaj Sprecher.

Kontakt

Nicolaj Sprecher
Projektleiter
Kompetenzzentrum für Psychische Gesundheit
IGW Institut für Gesundheitswissenschaften
+41 58 257 39 88
nicolaj.sprecher@ost.ch