Zentimetergenaue Untersuchungen möglich
«Ausgehend von diesen Anforderungen haben wir uns daran begeben, ein Sensorsystem zu entwickeln, das es uns ermöglicht, sehr genau bereits kleinste Veränderungen zu erfassen», erklärt Rabaiotti. Was sich so einfach anhört, ist auch angesichts des engen Zeitrahmens fast schon unglaublich. Alessio Höttges, der in diesem Projekt federführend ist und derzeit an der ETH Zürich seine Doktorarbeit zu diesem Thema schreibt, erklärt warum: «Von der ersten Skizze bis zum ersten Prototyp unseres Sensors verging nicht einmal ein Jahr.»
Möglich wurde dies durch eine fantastische Teamarbeit, in die insbesondere auch das IWK Institut für Werkstofftechnik und Kunststoffverarbeitung der OST involviert war. Zusätzlich sind das BAFU (Bundesamt für Umwelt) und die 3. Rhonekorrektion sowie die AIPo die wichtigsten Finanzierungs- und Umsetzungspartner. Wobei das gesamte Projekt auf die Unterstützung zig weiterer wichtiger Stakeholder in der Schweiz und Italien zählen kann.
Doch wie genau funktioniert nun die Sensortechnik, die einen Meilenstein in der Hochwasserproblematik darstellen könnte? «Neben der Telekommunikation ist seit gut 20 Jahren auch die Faseroptik ein wichtiges Instrument der Messtechnik – hierbei werden insbesondere Temperatur und Dehnungen gemessen. Dies haben wir entsprechend erweitert und sind nun in der Lage, nicht mehr ausschliesslich Verschiebungen oder Bewegungen nachzuweisen, sondern insbesondere Druckbeanspruchungen durch z. B. Wasser- oder Bodenauflast. Das ist gänzlich neu und das Besondere ist somit, dass wir kilometerlange Abschnitte von Flussdämmen oder generell Erdbauten bis auf kleinste Einheiten zentimetergenau untersuchen können», erläutert Rabaiotti.
Gewaltiges Potenzial
Um es bildlicher zu machen: Waren früher zig Personen nötig, um Flussabschnitte visuell zu überwachen, ist es nun möglich, kilometerlange Abschnitte mit wesentlich weniger Arbeitskräften fast schon zentimetergenau überwachen und bereits auf kleinste Veränderungen reagieren zu können. Und somit bereits vor einem irreparablen Schaden eingreifen zu können.
Dabei gehen die Anwendungen weit über den Einsatz in Flussbereichen hinaus, führt Alessio Höttges aus: «Auch im Bereich der Tsunami-Früherkennung können wir mit dieser Technik bereits kleinste Wellenbewegungen auf dem Meer im Zentimeterbereich nachweisen. Das Potenzial der Sensortechnik ist gewaltig, so ist ein Einsatz auch im Bereich von Minen, Seehäfen oder Küstenabschnitten, die von Erosion betroffen sind, möglich.»
Doch bei der Genialität der Entwicklung der Sensoren, die mittlerweile zum Patent angemeldet worden sind, bleiben Rabaiotti und Höttges höchst bescheiden: «Letztlich ist das keine Zauberei, was wir gemacht haben. Wir haben die Thematik der Druckverhältnisse einfach entsprechend auf die Praxis adaptiert und verfeinert.» Um es dem Laien veranschaulichen zu können, erklärt Rabaiotti: «Aufgrund von Erosionen kommt es beispielsweise zu einer Druckabnahme im Erdreich, die wir nachweisen können. Zudem können wir messen, ob sich Sand auf den Sensoren ablagert – gerade für die Schiffbarkeit des Po ein wichtiges Merkmal. Entscheidend ist unter dem Strich, dass wir punktgenau und in ‹real time› Veränderungen nachweisen können, die mit dem menschlichen Auge niemals zu erfassen wären.»
Und auch die eingangs angesprochene Problematik im Wallis bezüglich des Kontakts zwischen Grund- und Flusswasser kann nun wesentlich effizienter angegangen werden. So müssen wie erwähnt die Pumpen nicht mehr Tag und Nacht laufen, sondern erst dann, wenn es wirklich nötig ist.
Bezahlbare Genialität
So speditiv, wie Rabaiotti und sein Team bisher unterwegs waren, so rasant geht es auch weiter. Derzeit werden die Sensoren in einem 40 mal 80 Meter grossen dafür gebauten Testbecken in Italien im Forschungslabor der AIPo in Boretto getestet. Nach Auswertung der Ergebnisse im Sommer 2023 sollen die Sensoren im Frühjahr 2024 bereits in den ersten Abschnitten der Rhone installiert werden. Wobei die Rasanz ohne die Unterstützung insbesondere durch Stefanie Graf, Leiterin Departementsstab ABLR der OST, kaum möglich gewesen wäre, wie Rabaiotti mit einem Schmunzeln betont: «Man kann sich kaum vorstellen, was für administrative Herausforderungen bei der Umsetzung eines solchen Projekts in Ländern wie Italien und der Schweiz auftauchen. Hier wären wir völlig überfordert gewesen und sind extrem dankbar für die Unterstützung.»
Und was die Partner aus der Wirtschaft umso mehr interessieren dürfte, erklärt Rabaiotti zum Abschluss: «Die Wirtschaftlichkeit war von Beginn an ein grosses Ziel des Projekts. Wir wollten nichts konzipieren, das am Schluss in einer Schublade landet, sondern etwas, das realisierbar und bezahlbar ist.»
Der Markteintritt wäre der nächste Schritt, wenn die kommenden Tests weiter so positiv verlaufen wie bisher. Wobei der unternehmerische Aspekt noch einmal eine ganz eigene «Baustelle» sein wird. Doch auch die dürfte bei der Aussergewöhnlichkeit des Projekts und der Rasanz der Umsetzung zeitnah geschlossen werden können.
Kontakt
Prof. Dr. Carlo Rabaiotti
IBU Institut für Bau und Umwelt
+41 58 257 49 75
carlo.rabaiotti@ost.ch

