Klassisches Dilemma
Personen mit einer Glutenunverträglichkeit oder anderen Ernährungsanforderungen haben bei der Wahl eines Restaurants oft zwei Möglichkeiten: Sie besuchen ein Lokal, das sie bereits kennen und mit dem sie gute Erfahrungen gemacht haben. Oder sie verlassen sich auf die Auskunft des Servicepersonals.
Die zweite Möglichkeit kann anspruchsvoll sein. Das Servicepersonal bemüht sich um verlässliche Auskünfte, verfügt im hektischen Alltag aber nicht immer über sämtliche Details zu Zutaten und Zubereitung. Missverständnisse können gesundheitliche Folgen haben sowie zu Vertrauensverlust und negativen Bewertungen führen, obwohl die Ursache im Informationsfluss und nicht in der Küche lag.
Zugleich steht das Servicepersonal unter Druck, spontan präzise Auskünfte zu komplexen Ernährungsfragen zu geben. Leicht zugängliche und verlässliche Informationen könnten deshalb Gäste und Mitarbeitende gleichermassen entlasten.
Transparenz vor dem Besuch
Hier setzte eine von Hagenmayer entwickelte App an. Wer sie nutzte, hinterlegte die eigenen Ernährungsanforderungen, etwa Unverträglichkeiten, Allergien oder eine vegetarische beziehungsweise vegane Ernährung. Die App zeigte dazu passende Restaurants und Gerichte. Die Informationen waren sowohl vor dem Besuch als auch direkt am Point of Sale zugänglich.
Der Ansatz ging über eine einfache Filterliste hinaus: Eatomics verknüpfte die Angaben der Gäste mit konkreten Informationen der Gastronomiebetriebe. So war nicht nur ersichtlich, ob ein Restaurant bestimmte Ernährungsanforderungen berücksichtigte, sondern auch, welche Gerichte infrage kamen. Gäste konnten sich bereits vor dem Besuch informieren und die Auswahl gezielter treffen.
«Die App sollte die Restaurantsuche inklusiver machen», sagt Hagenmayer. «Gäste sollten auf Basis transparenter Informationen selbstbestimmt entscheiden können, wo und was sie essen möchten.»
Marktforschung mit 200 Stimmen
Zur Evaluation befragte das Projektteam rund 200 Personen. Darunter waren Menschen mit medizinisch bedingten oder freiwilligen Ernährungseinschränkungen sowie Personen ohne besondere Ernährungsanforderungen. Die Antworten lieferten fundierte Hinweise darauf, wie die Problemstellung wahrgenommen wurde und wie eine hilfreiche Lösung gestaltet sein könnte.
«Die Umfrage war wertvoll», erklärt Laura Koller, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin intensiv in das Projekt eingebunden war. «Sie zeigte, wie Betroffene die Problemstellung wahrnehmen, und lieferte erste Hinweise auf einen möglichen Mehrwert für Gastronomiebetriebe.»
Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass die Bedürfnisse einzelner Gruppenmitglieder häufig die Restaurantwahl der ganzen Gruppe beeinflussen. Für Gastronomiebetriebe lag darin das Potenzial, nicht nur einzelne Betroffene, sondern ganze Gruppen anzusprechen – vorausgesetzt, sie machten ihren Umgang mit unterschiedlichen Ernährungsanforderungen klar sichtbar.
Die Befragten gaben zudem an, bei guten Erfahrungen loyal zu bleiben und passende Angebote weiterzuempfehlen. Auch eine moderate, selbst berichtete Bereitschaft, für mehr Orientierung und Sicherheit bei der Menüwahl einen höheren Preis zu akzeptieren, war erkennbar. Die Befragung beschrieb damit ein mögliches Potenzial, allerdings noch keinen validierten Business Case.
Anspruch: mehr als eine Nischenlösung
Viele bestehende Angebote konzentrierten sich auf einzelne Ernährungsformen oder Unverträglichkeiten, etwa glutenfreie oder vegane Optionen. Eatomics verfolgte einen breiteren Ansatz: Die Plattform sollte verschiedene medizinisch bedingte Einschränkungen und persönliche Präferenzen bündeln und mit individuellen Empfehlungen verbinden.
Im Konzept positionierte sich die App nicht nur als weitere Nischenlösung, sondern als zweiseitiger Marktplatz, der die Bedürfnisse von Gästen mit den Angeboten der Gastronomie zusammenführen sollte.
Dilemma des zweiseitigen Marktplatzes
Die Umfrage deutete auf eine relevante Problemstellung und grundsätzliches Interesse seitens der Gäste hin. Während der Pilotierung übersetzte sich dieses Interesse jedoch nicht in ausreichendes User Engagement. Zugleich liess sich der wirtschaftliche Nutzen für die Gastronomiebetriebe nicht deutlich genug quantifizieren. In einer Branche mit hohem Kosten- und Zeitdruck muss ein zusätzliches Angebot nachweisbar neue Gäste gewinnen oder zusätzlichen Umsatz schaffen.
Der Business Case für Gastronomiebetriebe konnte deshalb nicht positiv validiert werden. Das Projekt wurde daraufhin in seiner ursprünglichen Form beendet. Wichtige Grundlagen waren dennoch gelegt: Die Marktforschung war abgeschlossen, der Ansatz war im Feld erprobt und mit Service Allergie Suisse SA, der unabhängigen Zertifizierungsstelle für das bekannte Allergie-Gütesiegel, wurde eine relevante Partnerschaft aufgebaut. Für eine Weiterführung wären eine stärkere Nutzung, eine grössere Anschubfinanzierung und ein belastbarer wirtschaftlicher Nutzen für die Gastronomiebetriebe erforderlich gewesen.
Doch auch die Migros hat viel Positives aus dem Projekt ziehen können, wie Simone Michel, Leiterin Marketing/Einkauf Gastronomie der Genossenschaft Migros Ostschweiz, betont: «Die Zusammenarbeit mit Luca Hagenmayer war sehr positiv und geprägt von einem strukturierten, offenen Austausch. Die Pilotierung von Eatomics in den Take-aways der Genossenschaft Migros Ostschweiz lieferte wertvolle Erkenntnisse und zeigte, dass die Lösung auf Gastronomieseite Potenzial bietet. Obwohl die Nachfrage seitens der Endnutzer noch zu gering war, wurden die gewonnenen Erkenntnisse konsequent genutzt, um das System mit zusätzlichen Auswertungsmöglichkeiten und grösserem Mehrwert für Gastronomiebetriebe weiterzuentwickeln.»
Vom Pilotprojekt zum Pivot
Die unternehmerische Geschichte ging weiter: Aus der Eatomics GmbH ging die Studomics AG hervor, die heute eine digitale Lernplattform entwickelt. Das Themenfeld änderte sich, geblieben ist die Arbeitsweise: konkrete Probleme verstehen, Lösungen mit Nutzerinnen, Nutzern sowie Partnerinnen und Partnern erproben und konsequent daraus lernen.
Eatomics steht für inklusive Restaurantsuche und ehrliche Validierung. Diese Erkenntnisse leben in Studomics weiter.

Kontakt
Prof. Dr. Jasmin Demann
Professorin für Organisation
IOL Institut für Organisation und Leadership
+41 58 257 17 34
jasmin.demann@ost.ch



