Die Schattenseiten der Sommersonne
Der Verein für Gassenarbeit Schwarzer Peter kümmert sich in Basel um Personen ohne Dach über dem Kopf. Er bietet offene Ohren und Arme für Menschen am Rande der Gesellschaft. Mats Müller, Gassenarbeiter und Co-Geschäftsleiter, sagt, dass der Sommer zwar die bevorzugte Jahreszeit von Obdachlosen sei. «Unseren Klientinnen und Klienten geht es besser, sie können sich draussen aufhalten, es ist länger hell, die Stadt lebt.» Das Bewusstsein, dass die Sonne auch gesundheitliche Schatten wirft, werde aber oft unterschätzt. In der aufsuchenden Arbeit versorgt der Verein seine Klientinnen und Klienten zwar mit Getränken, bringt ihnen Sonnenhüte oder weist sie auf Schattenplätze hin. «Doch bei Hitzewellen reicht das nicht mehr», sagt Müller, «da braucht es kühle Zufluchtsorte.» Also Räume, in denen die Temperatur weniger als 24 Grad beträgt. Denn: Bei Symptomen von Hitzestress gilt das Aufsuchen eines kühlen Raums als zentrale und wirksamste Sofortmassnahme.
Und hier kommt Tanja Herdt, Professorin für Städtebau am IRAP Institut für Raumentwicklung der OST, ins Spiel. Sie hat die Studie «Kühle Räume in der Stadt» geleitet. Diese Studie umfasste ein breites Methodensetting: eine Literaturrecherche, Interviews mit Risikopersonen und Fachpersonen sowie die Kartierung geeigneter Räume in den Quartieren mit besonders hoher Hitzebelastung und einer hohen Anzahl betroffener Personen unter der Bewohnerschaft. Gerade die Interviews förderten bereits akute Probleme zutage: Ein Drittel der Befragten berichtete von gesundheitlichen Beschwerden bei Hitze.
Hitzeaktionspläne: vielerorts Fehlanzeige
Aus der Fallstudie Basel wurden Handlungsempfehlungen für alle Schweizer Städte und Gemeinden abgeleitet. Denn: Die zunehmende Hitze betrifft alle grossen Siedlungsräume. Der Schlussbericht zeigt grossen Handlungsbedarf auf: «Obwohl die Hitzebelastung in Zukunft in vielen Kantonen deutlich zunehmen wird, hat der Grossteil der Kantone bislang nur vereinzelt Massnahmen zum Schutz der Bevölkerung erarbeitet.» Erst sechs Kantone verfügten zum Zeitpunkt der Erhebung im Jahr 2024 über fertige Hitzeaktionspläne. Dabei handelt es sich um ein strategisches Instrument, das Probleme definiert und Massnahmen zu Klimaanpassung und Gesundheitsschutz beschreibt. Das Ziel: die Bevölkerung bestmöglich vor grosser Hitze zu schützen. Professorin Tanja Herdt ergänzt: «Die Westschweizer Kantone sind weiter, da sie sich an Frankreich orientieren.» Das westliche Nachbarland habe unter dem Eindruck der vielen Hitzeopfer im Jahrhundertsommer 2003 die Problematik zur Chefsache erklärt.
Die Professorin ortet auch ein Defizit bei den planerischen Grundlagen: «Viele Städte und Gemeinden sind gerade erst dabei, Hitzeinseln in ihren Siedlungsgebieten zu identifizieren und die Zahl der betroffenen Bevölkerungsgruppen damit abzugleichen.» Das Phänomen der sogenannten Hitzeinseln akzentuiert sich häufig in Siedlungsgebieten, in denen eine nächtliche Abkühlung durch kältere Luft ausbleibt. Gründe dafür sind die Lage, eine dichte Bebauung, wenige Freiflächen und ein hoher Versiegelungsgrad. Daher warten auch auf den Städtebau grosse Aufgaben, wie die Expertin betont: «Wir müssen Quartiere planen, die besser auf den Aufenthalt bei Hitze abgestimmt sind.» Dazu zählen Massnahmen zur Klimaanpassung und eine Umgestaltung des öffentlichen Raums ebenso wie die Einrichtung von kühlen Räumen als Sofortmassnahme für die Bevölkerung.
Etablierte Treffpunkte ertüchtigen
Doch die Anpassung der Städte an das Klima gestaltet sich langwierig. So erbringt beispielsweise ein neugepflanzter Baum erst nach circa 15 bis 20 Jahren einen ausreichenden Kühlungseffekt für seine Umgebung. Da die nächste Hitzewelle jedoch nicht wartet, unterstreicht Tanja Herdt: «Kühle Räume sind in den betroffenen Siedlungsgebieten ein Muss und keine Option. Sie sollten besser jetzt als später eingerichtet werden.» Und da sind wir wieder zurück in der Metropole am Rheinknie: In Basel gibt es zwar viele öffentlich zugängliche Gebäude – Quartiertreffpunkte, Bibliotheken, kirchliche Bauten, Museen und Theater. Von 120 identifizierten Institutionen wurden 52 auf ihre Eignung als kühle Räume untersucht. Jedoch erfüllte keiner der geprüften Räume aus dem Stand alle Kriterien. Je nach Situation weisen die Räume kleinere bis grössere Mängel auf, die durch Klimatisierung und Anpassung der Barrierefreiheit oder der Sommeröffnungszeiten zu beheben wären. Zudem sind in allen Fällen eine zusätzliche Betreuung und eine medizinische Unterstützungsmöglichkeit erforderlich. Dies bedingt insbesondere koordinatorische und organisatorische Massnahmen seitens der Verwaltung sowie der einzelnen Betreiberorganisationen.
«Idealerweise würde man bereits bestehende und etablierte Treffpunkte zu kühlen Räumen ertüchtigen», sagt Tanja Herdt. Denn die Studie zeigt auch, dass alle befragten Bevölkerungsgruppen – darunter Familien mit Kindern sowie ältere und wohnungslose Personen – bei Hitzewellen Räume bevorzugen würden, die sie bereits für andere Aktivitäten nutzen. «Eigentlich ist die Schaffung kühler Räume daher vor allem eine organisatorische Aufgabe», sagt die Professorin. Sie betont jedoch auch, dass man dazu die speziellen Standortvoraussetzungen, den Bedarf in den Quartieren und die Bedürfnisse der Bevölkerung genau kennen müsse. «Und hier kommen wir als Hochschule mit unseren Fachkompetenzen ins Spiel.» In Basel-Stadt sollen nun in einem Folgeprojekt kühle Räume pilotiert werden.
Definitorisches Problem
Auf der Basis der fundierten Grundlagenarbeit hat die Projektgruppe zehn Handlungsempfehlungen für Städte und Gemeinden formuliert. Sie rät auch zu einer einheitlichen Definition der besonders betroffenen Personengruppen, da heute beispielsweise wohnungslose Personen nicht als Risikogruppe benannt werden. Hier sieht sie auch den Bund in der Pflicht. Eine weitere Empfehlung lautet, dass besonders betroffene Gemeinden, Städte und Kantone Hitzeaktionspläne erarbeiten sollen. Dazu gehört auch, Hitzebeauftragte zu ernennen, die Präventions- und Schutzmassnahmen mit verschiedenen Verwaltungseinheiten und vor Ort vertretenen Organisationen koordinieren.
Professorin Tanja Herdt stellt fest: «Wir Menschen haben ein schlechtes Klimagedächtnis.» Unsere Kultur sei auf den Schutz vor Kälte ausgelegt: «Jedes Kind zieht im Winter eine Mütze an.» Anders verhält es sich, wenn das Quecksilber steigt: «Das Wissen über das richtige Verhalten bei Hitze ist noch nicht ausreichend in unserem Alltag verankert. Kälte können wir, Hitze nicht.» Auch bei der Gassenarbeit in Basel ist man besser für die klammen Finger als für heisse Köpfe gerüstet: «Wir haben Matten und warme Schlafsäcke an Lager, gehen bei Kälte raus und verteilen Kostengutsprachen für die Notschlafstelle», sagt Mats Müller vom Verein für Gassenarbeit Schwarzer Peter. Nach einem Aufruf für Kleider gingen jeweils viele Jacken und Pullover ein. «Die Winterhilfe ist eingespielt und funktioniert.»
Tanja Herdt und Mats Müller sind sich einig: Die Gesellschaft müsse möglichst rasch den Umgang mit Hitze lernen. Anschauungsunterricht bieten beliebte Ferienziele wie Griechenland, Italien oder Spanien. In diesen Regionen verfügt die Bevölkerung über zahlreiche kulturelle und städtebauliche Werkzeuge, um der Hitze im Alltag adäquat zu begegnen. Weisse Fassaden, verschattete Gassen und die Siesta sind nicht nur beliebte Postkartensujets, sondern funktionale, teils kulturell verankerte Formen des Hitzeschutzes. Da dürfte die Exportnation Schweiz auch einmal freimütig importieren.
Kontakt
Prof. Dr. Tanja Herdt
Professorin für Städtebau
IRAP Institut für Raumentwicklung
+41 58 257 48 93
tanja.herdt@ost.ch



