Wie ein Fernsehprogramm mehr Bewegung in Altersheime bringt

«Bleiben Sie zu Hause!» Ein prägender Satz aus dem ersten Lockdown der Coronapandemie im Frühjahr 2020. Aus diesem Anlass heraus entstand die Idee für «Bliib fit – mach mit!». Die Bewegungstherapeutin Ursula Meier Köhler hat zusammen mit dem Amt für Gesundheitsvorsorge St.Gallen eine Fernsehsendung auf TVO realisiert, um ältere Menschen in ihren eigenen vier Wänden zu regelmässiger Bewegung zu motivieren. Mittlerweile ist diese Produktion so erfolgreich, dass sie in vielen Teilen der Schweiz ausgestrahlt wird und von diversen Kantonen finanzielle Unterstützung erhält.

Bewegung ist in jedem Alter wichtig, um gesund und fit zu bleiben. Das zeigen auch die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation. Dazu wird in verschiedenen Studien belegt, dass viele ältere Menschen nach Eintritt in ein Alters- und Pflegeheim mehrheitlich sitzen und die körperlichen Funktionen schnell abbauen. Mit der Studie «Bliib fit – mach mit!» in Alters- und Pflegeinstitutionen soll das fernsehbasierte Bewegungsprogramm zur Förderung der Fitness, Selbstständigkeit und Lebensqualität älterer Menschen in Alters- und Pflegeheimen eingeführt und wissenschaftlich untersucht werden. Das Projekt wird von Dr. Anne Kelso (Dozentin Kompetenzzentrum MOVE-IT, IGW Institut für Gesundheitswissenschaften) und Prof. Dr. Steffen Heinrich (Co-Leitung Kompetenzzentrum Demenz, IGW) gemeinsam geleitet und unterstützt von der Beisheim Stiftung, Gesundheitsförderung Schweiz und dem Amt für Gesundheitsvorsorge des Kantons St.Gallen.

An der Studie nahmen fünf Einrichtungen aus dem Kanton St.Gallen teil. Geschultes Personal führte die Bewegungseinheiten durch. Es nahmen drei Alters- und Pflegeheime am Programm «Bliib fit – mach mit!» teil, während die beiden anderen Häuser das Vergleichsprogramm «DESKK» durchführten. Die Trainingseinheiten fanden 4-mal pro Woche, je 20 Minuten, über 12 Wochen als Gruppenaktivität statt.

DESKK wurde von Steffen Heinrich erarbeitet und unterscheidet sich insoweit, dass es spielerischer ist. Das DESKK-Programm ist für stationäre Langzeitinstitutionen entwickelt worden, damit auch Menschen mit Demenz körperlich fit bleiben können. «Der Hauptunterschied zu ‹Bliib fit – mach mit!› ist, dass verschiedene Gerätschaften und Materialien wie Sprungtücher und Bälle benötigt werden und es mehr Instruktionen braucht», sagt Steffen Heinrich im Interview. Dadurch ist der Ressourcenaufwand auch etwas höher als bei «Bliib fit – mach mit!».

Fünf ältere Damen werden von hinten fotografiert, wie sie auf ihren Stühlen die Bewegungen aus dem Fernseher nachturnen.
Hier sieht man eine Gruppe von Bewohnenden während der Bewegung mit «Bliib fit - mach mit!» (Das Bild stammt aus der Projekt-Partner-Institution Wohn- und Pflegeheim Lindenbaum in Züberwangen)

Erste Erkenntnisse zur Umsetzung

Das Programm «Bliib fit – mach mit!» wurde in den teilnehmenden Häusern von allen Seiten gut angenommen. Die Bewohnerinnen und Bewohner hatten viel Freude daran. So zeigte sich, dass auch nach der 12-wöchigen Intervention die teilnehmenden Häuser «Bliib fit – mach mit!» fortgesetzt haben, wenn auch adaptiert an die jeweiligen Rahmenbedingungen. Im Rahmen von Interviews mit den Bewohnenden und dem Personal wurden des Weiteren Rückmeldungen für eine verbesserte Umsetzung in den Häusern gewonnen, aber auch wichtige Hinweise zur Sendung, wie beispielsweise zur Übungsgeschwindigkeit, die insbesondere für ältere Semester eine grosse Herausforderung sein kann. Ursula Meier Köhler schätzt die Rückmeldungen aus der Studie zur Optimierung zukünftiger Sendungen.

Die Implementierung von DESKK ist stark an die Gegebenheiten der Strukturen der Institutionen angepasst worden. Das Programm kann auch modular eingesetzt werden. Es ist an bestehende Prozesse der Aktivierung in den Pflegeheimen angelehnt. Auch hier waren die Rückmeldungen positiv und das Personal empfand es als gut umsetzbar. Auch die Bewohnenden haben die Gerätschaften und Trainingsmöglichkeiten sehr geschätzt.

Vier Bewohnende sitzen mit den Stühlen im Kreis und werfen einen roten Luftballon in die Höhe.
Vier Bewohnende führen Übungen aus.

Bereichernde Projektphase und gute Aussichten

Für Anne Kelso war es als Sportwissenschaftlerin das erste Projekt im Setting von Alters- und Pflegeheimen und sichtlich ein positives Erlebnis, wie sie uns verrät: «Für mich war das ein Highlight, mich mit diesem Setting vertraut zu machen und mit den Bewohnenden und dem Personal vor Ort in Kontakt zu kommen. Auch zu sehen, wie motiviert die Bewohnenden sind, für sich selbst und ihre Gesundheit etwas zu tun, das finde ich sehr schön.»

Auch Steffen Heinrich kam zu einem positiven Fazit mit Bezug auf die Studie und DESKK: «Ein Highlight war dann auch, dass DESKK in dieser Konstellation mit Aktivierungsfachpersonen gut angenommen und inkludiert wurde, was bei der pflegerischen Umsetzung nicht so der Fall war.»

Das zweijährige Projekt befindet sich in der Endphase, sodass die Ergebnisse zeitnah präsentiert werden können. Am Ende soll dann ein Best-Practice-Ansatz zur Bewegungsförderung in Alters- und Pflegeheimen mit einem Schulungskonzept entstehen.

Das Evaluationsprojekt «Bliib fit – mach mit!» in Alters- und Pflegeheimen trägt dazu bei, mehr Bewegung in den Alltag von Seniorinnen und Senioren zu bringen und sie bei einer aktiven und gesunden Lebensführung zu unterstützen, wobei Spass an der Bewegung und das Miteinander im Fokus stehen.

Die Dame hier wird im Test begleitet, wo sie gerade an der Wand Punkte drücken muss.
Die Dame hier wird im Test begleitet, wo sie gerade an der Wand Punkte drücken muss.
Mit einem Spiel auf dem PC, welcheseine Strasse zeigt, kann die Bewohnerin auf dem Stuhl davor mit dem Gerät versuchen zu lenken.
Mit einem Spiel auf dem PC, welcheseine Strasse zeigt, kann die Bewohnerin auf dem Stuhl davor mit dem Gerät versuchen zu lenken.

Kontakt

Dr. Anne Kelso
Dozentin, Kompetenzzentrum MOVE-IT
+41 58 257 15 93
anne.kelso@ost.ch

Prof. Dr. Steffen Heinrich
Co-Leitung Kompetenzzentrum Demenz
+41 58 257 14 91
steffen.heinrich@ost.ch