Beständigkeit und Umbruch
Viele Babyboomerinnen wohnen seit Jahrzehnten am selben Ort. Vertrautheit, Sicherheit und soziale Einbettung sind zentrale Gründe für diese Beständigkeit. Wohnveränderungen werden selten langfristig geplant, sondern entstehen meist anlassbezogen. Gleichzeitig eröffnen sich neue Freiräume: Reisen, multilokales Wohnen oder das Umnutzen des Eigenheims gewinnen an Bedeutung. Auch wohnbezogene Tätigkeiten wie Renovieren, Werken oder Gartenarbeit werden wichtiger und sind Ausdruck einer aktiven Lebensgestaltung.
«Für Wohnveränderungen sind Frauen oftmals die treibenden Kräfte. Sie sind offener für neue Wohnformen und reflektieren ihre Wohnsituation bewusster», erklärt Forschungsleiterin Nicola Hilti. «Veränderungen werden jedoch häufig durch äussere Anlässe wie Krankheit, Trennung oder den Verlust der Partnerin oder des Partners ausgelöst.»
Soziale Einbindung als Fundament
Soziale Beziehungen prägen das Wohnen entscheidend. Familie, Nachbarschaft und Freundeskreise fungieren als «soziale Heimaten», die Orientierung und Stabilität bieten. «Für viele der Befragten ist eine gute Balance zwischen Gemeinschaft und Privatsphäre entscheidend. Dieses Verhältnis muss mitunter neu gestaltet werden, auch im Wohnen», so Franziska Städler aus dem Forschungsteam. Die Studie zeigt, dass familiäre und soziale Einbindung auf vielfältige Arten neu organisiert wird. Das Kinderzimmer wird zum Büro und mit der Geburt von Enkelkindern werden Care-Arbeiten neu verhandelt. Gleichzeitig entstehen neue Wohnformen: Untervermietung von Zimmern, Wohngemeinschaften mit Jüngeren oder «Living Apart Together»-Modelle, die eine soziale Gemeinschaft über die Familie hinaus ermöglichen.
Selbstbestimmung als Leitmotiv
Neben sozialer Einbettung ist das Bedürfnis nach Selbstbestimmung im Wohnen zentral. Die Voraussetzungen dafür sind jedoch ungleich verteilt. «Wer über finanzielle und soziale Ressourcen verfügt, kann mehrere Wohnorte nutzen, Wohnprojekte mitentwickeln oder auf barrierearmen Wohnraum ausweichen. Andere sind gezwungen, innerhalb enger materieller Grenzen kreative Lösungen zu finden», erläutert Nicola Hilti. Dabei zeigen sich deutliche Geschlechterunterschiede. «Viele Frauen nutzen die nachfamiliäre Phase für einen emanzipatorischen Schritt und streben nach mehr Eigenständigkeit, etwa durch getrenntes Wohnen, neue Partnerschaftsmodelle oder das bewusstere Gestalten erneut an sie herangetragener Care-Anforderungen.» Wohnentscheidungen können so zu biografischen Wendepunkten werden.
Mit zunehmendem Alter gewinnen zudem Standortqualitäten wie die gute Erreichbarkeit von Versorgung, Gesundheitsdiensten und öffentlichem Verkehr an Bedeutung. Auch, weil eine gute Infrastruktur und Versorgung ein selbstbestimmtes Wohnen im Alter unterstützt.
Zwischen Gestaltungslust und Verdrängung
Wohnen ist auch Ausdruck von Identität. Wohnort, Wohnung oder Einrichtung bringen Lebensstil, Werte oder die berufliche Identität zum Ausdruck. Ateliers, Arbeitszimmer oder Werkstätten im Zuhause zeugen davon. Im Beruf erworbene Kompetenzen können im Wohnen eingebracht werden: Der Jurist hilft bei der Selbstverwaltung des Wohnprojekts, die Sozialarbeiterin moderiert die Gruppenprozesse in der Siedlung. Gleichzeitig bleibt das Bedürfnis nach Sicherheit hoch. Kündigungserfahrungen, Wohnungsknappheit, der Mangel an altersgerechten Wohnungen oder die Angst vor dem Verlust der vertrauten Wohnumgebung beeinflussen Wohnentscheidungen. «Viele schieben Entscheidungen zum Wohnen im Alter auf. Gleichzeitig zeigen ihnen die Erfahrungen mit den betagten Eltern, dass Fragen des Wohnens im hohen Alter Teil einer realistischen Lebensplanung werden sollten», so Franziska Städler.
Die Studie zeigt: Babyboomer sind keine homogene Gruppe. Ihr Wohnen ist geprägt von Vielfalt, biografischen Brüchen und ungleichen Ressourcen. Wer Wohnraum für diese Generation plant, muss individuelle Lebenswege berücksichtigen und vereinfachende Stereotype hinter sich lassen. Denn hinter jeder Wohnentscheidung steht eine Geschichte, die weit mehr erzählt als das einfache Bild der «Golden Agers».

Kontakt
Prof. Dr. Nicola Hilti
Co-Projektleiterin
IFSAR Institut für Soziale Arbeit und Räume
nicola.hilti@ost.ch



