Babyboomer: Wohnen zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Babyboomer gelten als aktive, wohlhabende und flexible Generation. Dieses Bild greift jedoch zu kurz. Eine aktuelle Studie zeigt, dass sich hinter dem Stereotyp der «Golden Agers» eine grosse Vielfalt an Lebensentwürfen, Wohnbiografien und Zukunftsvorstellungen verbirgt. Das Wohnen dieser Generation ist deutlich vielgestaltiger, als es die öffentliche Wahrnehmung vermuten lässt.

Das schillernde Bild einer gebildeten, selbstbestimmten und offenen Generation prägt den öffentlichen Diskurs über die Babyboomerinnen. Doch diese Beschreibung der «Golden Agers» blendet vieles aus. Eine neue Studie des IFSAR Institut für Soziale Arbeit und Räume macht sichtbar, wie vielfältig das Wohnen dieser Generation ist. Im Zentrum stand die Frage, wie Babyboomer heute wohnen, welche Bedürfnisse ihr Wohnen prägen und wie sie Wohnveränderungen in einer Lebensphase zwischen Kontinuität und Neuanfang gestalten. Grundlage bilden qualitative Interviews mit Babyboomern aus der Deutschschweiz, geboren zwischen 1957 und 1966. Ergänzend wurden bestehende Studien und statistische Daten ausgewertet.

Die Ergebnisse zeichnen das Bild einer Generation im Übergang. Pensionierung, Auszug der Kinder und erste gesundheitliche Einschränkungen verändern den Alltag. Als erste Generation erleben sie diesen Lebensabschnitt in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft. Das eröffnet neue Möglichkeiten, bringt aber auch höhere Anforderungen an die eigene Lebensgestaltung mit sich.

Das Bild zeigt eine Strassenflucht in einer Kleinstadt, rechts Altbauten mit einem kleinen Café, Tischen und Stühlen auf der Strasse, links Neubauten. Im Vordergrund ein blumenbepflanztes Beet, das von hohen Mülltonnen umstellt ist. Im Hintergrund sind ein paar parkierende Autos auf der Strasse und ein moderner Kirchturm zu sehen.
Wie Babyboomer heute wohnen und welche Bedürfnisse ihr Wohnen prägen, ist geprägt von Vielfalt.
Das Bild zeigt eine ältere Frau und ein Kind von hinten, die gemütlich auf einem Sofa sitzen und sich zusammen ein Bilderbuch anschauen.
Soziale Beziehungen prägen das Wohnen entscheidend. Familiäre und soziale Einbindung werden neu organisiert.

Beständigkeit und Umbruch

Viele Babyboomerinnen wohnen seit Jahrzehnten am selben Ort. Vertrautheit, Sicherheit und soziale Einbettung sind zentrale Gründe für diese Beständigkeit. Wohnveränderungen werden selten langfristig geplant, sondern entstehen meist anlassbezogen. Gleichzeitig eröffnen sich neue Freiräume: Reisen, multilokales Wohnen oder das Umnutzen des Eigenheims gewinnen an Bedeutung. Auch wohnbezogene Tätigkeiten wie Renovieren, Werken oder Gartenarbeit werden wichtiger und sind Ausdruck einer aktiven Lebensgestaltung.

«Für Wohnveränderungen sind Frauen oftmals die treibenden Kräfte. Sie sind offener für neue Wohnformen und reflektieren ihre Wohnsituation bewusster», erklärt Forschungsleiterin Nicola Hilti. «Veränderungen werden jedoch häufig durch äussere Anlässe wie Krankheit, Trennung oder den Verlust der Partnerin oder des Partners ausgelöst.»

Soziale Einbindung als Fundament

Soziale Beziehungen prägen das Wohnen entscheidend. Familie, Nachbarschaft und Freundeskreise fungieren als «soziale Heimaten», die Orientierung und Stabilität bieten. «Für viele der Befragten ist eine gute Balance zwischen Gemeinschaft und Privatsphäre entscheidend. Dieses Verhältnis muss mitunter neu gestaltet werden, auch im Wohnen», so Franziska Städler aus dem Forschungsteam. Die Studie zeigt, dass familiäre und soziale Einbindung auf vielfältige Arten neu organisiert wird. Das Kinderzimmer wird zum Büro und mit der Geburt von Enkelkindern werden Care-Arbeiten neu verhandelt. Gleichzeitig entstehen neue Wohnformen: Untervermietung von Zimmern, Wohngemeinschaften mit Jüngeren oder «Living Apart Together»-Modelle, die eine soziale Gemeinschaft über die Familie hinaus ermöglichen.

Das Bild zeigt zwei vierstöckige Neubauten mit Flachdach und langen Balkonreihen. Das Umland ist bepflanzt mit Blumen und Sträuchern.
Frauen sind offener für neue Wohnformen.
Das Bild zeigt zweistöckige Altbau-Mehrfamilienhäuser mit grossen Gärten, altem Birkenbestand, Wiesen, Hecken und Sträuchern. Der Vordergrund ist optisch verzerrt und wirkt verfremdet.
Der Mangel an altersgerechten Wohnungen und die Angst vor dem Verlust der vertrauten Wohnform beeinflussen Wohnentscheidungen.

Selbstbestimmung als Leitmotiv

Neben sozialer Einbettung ist das Bedürfnis nach Selbstbestimmung im Wohnen zentral. Die Voraussetzungen dafür sind jedoch ungleich verteilt. «Wer über finanzielle und soziale Ressourcen verfügt, kann mehrere Wohnorte nutzen, Wohnprojekte mitentwickeln oder auf barrierearmen Wohnraum ausweichen. Andere sind gezwungen, innerhalb enger materieller Grenzen kreative Lösungen zu finden», erläutert Nicola Hilti. Dabei zeigen sich deutliche Geschlechterunterschiede. «Viele Frauen nutzen die nachfamiliäre Phase für einen emanzipatorischen Schritt und streben nach mehr Eigenständigkeit, etwa durch getrenntes Wohnen, neue Partnerschaftsmodelle oder das bewusstere Gestalten erneut an sie herangetragener Care-Anforderungen.» Wohnentscheidungen können so zu biografischen Wendepunkten werden.

Mit zunehmendem Alter gewinnen zudem Standortqualitäten wie die gute Erreichbarkeit von Versorgung, Gesundheitsdiensten und öffentlichem Verkehr an Bedeutung. Auch, weil eine gute Infrastruktur und Versorgung ein selbstbestimmtes Wohnen im Alter unterstützt.

Zwischen Gestaltungslust und ­Verdrängung

Wohnen ist auch Ausdruck von Identität. Wohnort, Wohnung oder Einrichtung bringen Lebensstil, Werte oder die berufliche Identität zum Ausdruck. Ateliers, Arbeitszimmer oder Werkstätten im Zuhause zeugen davon. Im Beruf erworbene Kompetenzen können im Wohnen eingebracht werden: Der Jurist hilft bei der Selbstverwaltung des Wohnprojekts, die Sozialarbeiterin moderiert die Gruppenprozesse in der Siedlung. Gleichzeitig bleibt das Bedürfnis nach Sicherheit hoch. Kündigungserfahrungen, Wohnungsknappheit, der Mangel an altersgerechten Wohnungen oder die Angst vor dem Verlust der vertrauten Wohnumgebung beeinflussen Wohnentscheidungen. «Viele schieben Entscheidungen zum Wohnen im Alter auf. Gleichzeitig zeigen ihnen die Erfahrungen mit den betagten Eltern, dass Fragen des Wohnens im hohen Alter Teil einer realistischen Lebensplanung werden sollten», so Franziska Städler.

Die Studie zeigt: Babyboomer sind keine homogene Gruppe. Ihr Wohnen ist geprägt von Vielfalt, biografischen Brüchen und ungleichen Ressourcen. Wer Wohnraum für diese Generation plant, muss individuelle Lebenswege berücksichtigen und vereinfachende Stereotype hinter sich lassen. Denn hinter jeder Wohnentscheidung steht eine Geschichte, die weit mehr erzählt als das einfache Bild der «Golden Agers».

Porträt Nicola Hilti, Co-Leiterin Institut für Soziale Arbeit und Räume IFSAR.

Kontakt

Prof. Dr. Nicola Hilti
Co-Projektleiterin
IFSAR Institut für Soziale Arbeit und Räume
nicola.hilti@ost.ch

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