Ergebnisse zeigen ein deutliches Bild
Die Ergebnisse zeigen, dass ein erheblicher Teil der befragten Personen auch über das ordentliche Pensionsalter hinaus erwerbstätig bleibt. Insgesamt arbeiten 61 Prozent der Befragten über die Pensionierung hinaus, wobei 46 Prozent aktuell noch einer Erwerbstätigkeit nachgehen, während lediglich 15 Prozent vollständig pensioniert sind. Diese Zahlen verdeutlichen, dass Erwerbsarbeit im höheren Alter für viele weiterhin eine relevante Rolle spielt.
Als zentrale Motivation für die Weiterarbeit nennen die Befragten vor allem intrinsische Faktoren. So geben 84 Prozent an, Freude an ihrer Arbeit zu haben, und 79 Prozent empfinden ihre Tätigkeit als sinnvoll. Darüber hinaus schätzen 58 Prozent die sozialen Kontakte, die mit der Erwerbsarbeit verbunden sind. Daniela Epple und Hannah Wettstein vom IFSAR betonen hierzu, dass dies auf die Bedeutung des Arbeitsplatzes als sozialer Raum hinweist. «Der Wegfall dieses Raumes kann zu einem Verlust regelmässiger sozialer Interaktionen, zu einer Verringerung sozialer Einbindung sowie zu einem erhöhten Risiko sozialer Isolation führen, weshalb aktive Bemühungen zur Aufrechterhaltung und Neugestaltung sozialer Beziehungen erforderlich werden.»
Gleichzeitig zeigt sich, dass finanzielle Aspekte für einen Teil der Befragten eine relevante Belastung darstellen. Rund 27 Prozent berichten von starkem finanziellem Druck, wobei dieser bei Frauen häufiger auftritt. Dies unterstreicht bestehende geschlechtsspezifische Unterschiede in der finanziellen Absicherung im Alter. «In Politik und Öffentlichkeit wird derzeit intensiv über neue und flexiblere Formen der Erwerbstätigkeit im Alter diskutiert. Ein Fokus liegt dabei unter anderem auf sogenannten Minijobs im Umfang von rund 1000 bis 1500 Franken pro Monat, die älteren Menschen mit finanziellen Lücken eine ergänzende Einkommensquelle bieten könnten», so Speck.
Informations- und Kommunikationsbedarf
Hinsichtlich der Arbeitsbedingungen verfügen 77 Prozent der befragten erwerbstätigen Personen über flexible Arbeitsmodelle, was darauf hindeutet, dass Anpassungen an individuelle Bedürfnisse im höheren Erwerbsalter verbreitet sind. Dennoch bestehen weiterhin bedeutende Hindernisse: 44 Prozent nennen körperliche Belastungen und 39 Prozent mentale Belastungen als erschwerende Faktoren. Zudem berichten 15 Prozent von Erfahrungen mit Altersdiskriminierung, was auf strukturelle Herausforderungen im Arbeitsumfeld älterer Erwerbstätiger hinweist. «Wir haben aus anderen Projekten die Erkenntnis, dass gerade von Unternehmensseite viele Unsicherheiten vorherrschen bezüglich Fragen nach Versicherungen oder Steuern. Hier fehlt oftmals noch die Unterstützung seitens der Unternehmen», so Sara Juen, Projektmitarbeiterin vom iDNA Institut für Diversität und Neue Arbeitswelten.
Im Bereich des Wissens über das Alterssicherungssystem zeigt sich ein differenziertes Bild. Während die AHV bei 98 Prozent und die berufliche Vorsorge (BVG) bei 93 Prozent der Befragten bekannt sind, wissen 71 Prozent nichts über spezifische Programme zur Unterstützung älterer Arbeitnehmender. Daraus ergibt sich ein deutlicher Informations- und Kommunikationsbedarf, insbesondere im Hinblick auf bestehende Unterstützungsangebote oder Plattformen wie SeniorsAtWork.
Intrinsische Motive für Weiterarbeit
An die dargestellten Ergebnisse schliessen sich deutliche Auswirkungen auf individueller, institutioneller und gesellschaftlicher Ebene an. Die Weiterarbeit nach der Pensionierung erweist sich in der befragten Gruppe als weit verbreitetes Phänomen, das vor allem durch intrinsische Motive getragen wird. Freude an der Arbeit, das Erleben von Sinnhaftigkeit, soziale Einbindung sowie der Wunsch, weiterhin einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten, stellen zentrale Antriebskräfte dar. Diese Haltung kommt auch in den Freitextantworten zum Ausdruck, etwa wenn eine befragte Person festhält: «Arbeiten zu dürfen und nicht zu müssen, ist ein grosses Privileg.» Ein weiteres Zitat betont den gesundheitsfördernden Aspekt bei einer Weiterbeschäftigung: «Spass haben, mit unregelmässiger Arbeit fit und beweglich bleiben, geistig wie auch körperlich.» Zudem wird die Weitergabe von Wissen und Erfahrung als bedeutsam wahrgenommen, was sich exemplarisch in der Aussage zeigt: «Ich möchte mein lebenslang akkumuliertes Wissen und meine Erfahrung weitergeben.»
Die Freitextantworten illustrieren aber auch die anfangs angesprochenen Problematiken eindrücklich. So berichtet eine Person: «Eine adäquate Arbeit im Sportlehrerberuf mit meinen Einschränkungen gibt es kaum», während eine andere den abrupten Übergang in den Ruhestand beschreibt: «Ich bin gestern pensioniert worden und suche Arbeit.» Besonders deutlich wird institutionelle Altersdiskriminierung dort, wo Weiterarbeit grundsätzlich nicht vorgesehen ist – etwa in der Aussage: «Arbeit über das Rücktrittsalter ist bei meinem Arbeitgeber eher nicht vorgesehen.» In zugespitzter Form wird dieses Erleben auch mit dem Begriff der «Altersguillotine» beschrieben, der den plötzlichen Ausschluss aus dem Erwerbsleben verdeutlicht.
Folgeprojekt soll Guidelines liefern
Aus diesen Befunden ergibt sich ein klarer Handlungsbedarf, wie Sarah Speck betont: «Die Notwendigkeit entsprechender Massnahmen ist vorhanden, das sieht man deutlich an den Ergebnissen, die sich auch mit Befunden anderer Studien decken. Nun gilt es, in unserem Folgeprojekt diese Erkenntnisse noch konkreter zu analysieren, zusätzliche empirische Evidenz zu generieren und insbesondere deren praktische Implikationen systematisch zu analysieren.» Aufbauend darauf möchte das Folgeprojekt von AGEWISE gezielt mit Unternehmen zusammenarbeiten, um auf spezifische Bedürfnisse einzugehen sowie praxisnahe Guidelines testen und entwickeln zu können. Zwar existiert bereits eine Vielzahl an Empfehlungen und Leitlinien zur Weiterarbeit im Rentenalter, in der praktischen Umsetzung bestehen jedoch nach wie vor erhebliche Herausforderungen. Aus Sicht der Unternehmen erweisen sich bestehende Programme häufig als zu wenig differenziert, um den heterogenen Bedürfnissen älterer Arbeitnehmender gerecht zu werden, oder sie werden aufgrund der damit verbundenen Kosten zurückhaltend umgesetzt. Diese Einschätzungen decken sich mit den Ergebnissen der Studien der Berner Fachhochschule zur Weiterarbeit im Rentenalter sowie mit unseren eigenen Austauschen mit den dort beteiligten Forschenden. Hierzu werden Follow-up-Interviews stattfinden, die verstärkt in die Tiefe gehen, um die Bedürfnisse beider Seiten entsprechend abzuholen sowie auf sektorspezifische Unterschiede besser eingehen zu können. Dabei werden zusätzlich zu den Arbeitnehmenden auch HR-Expertinnen und -Experten verschiedener Unternehmen interviewt.
Unsere gesamte Gesellschaft ist gefordert, Altersdiskriminierung aktiv entgegenzuwirken, bestehende Informations- und Kommunikationslücken zu schliessen und altersgerechte, flexible Arbeitsbedingungen in verschiedenen Sektoren zu fördern. Der Zugang zu Weiterbildungen sowie verlässliche, nicht prekäre und freiwillige Beschäftigungsformen im höheren Erwerbsalter sollten gezielt ausgebaut werden, damit diesbezüglich mehr Möglichkeiten bestehen, ohne dass diese zu einem Muss werden. Klar ist, dass dieses Thema weiterhin hochaktuell bleiben wird, und man darf gespannt sein, welche Schlussfolgerungen sich aus dem Folgeprojekt von Sarah Speck und ihrem Team ergeben.
Kontakt
Dr. sc. nat. Sarah Speck
IAF Institut für Altersforschung
sarah.speck@ost.ch

