Langzeitschäden sind keine Seltenheit
Dabei gehören Eishockey-Profis zu den Sportlern, die aufgrund der «Härte» ihrer Sportart und des ständigen intensiven Körperkontakts besonders anfällig sind für Kopfverletzungen und damit einhergehenden kognitiven Beeinträchtigungen. Aber auch andere Sportarten sind betroffen: insbesondere im American Football gibt es seit Jahren immer mehr Untersuchungen, die einen direkten Zusammenhang zwischen der Sportart und CTE (chronische traumatische Enzephalopathie), einer fortschreitenden neurodegenerativen Erkrankung, zu belegen scheinen. CTE wird in der Regel durch wiederholte – auch leichtgradige – Schädeltraumen ausgelöst. Diese gehören leider zum Alltag, doch fatal wird es oftmals dann, wenn die Sportler aufgrund zu ungenauer Untersuchungsmethoden zu früh wieder in den Ligaalltag einsteigen und Höchstleistungen vollbringen sollen, ohne voll leistungsfähig zu sein. Und sich somit vielmehr dem erneuten – und dann womöglich schlimmeren – Verletzungsrisiko aussetzen. Diesem Szenario könnte die Arbeit von Brunner und seinem Team vorbeugen.
Eng verknüpft mit und unerlässlich für Brunners Arbeit ist dabei diejenige von Professor Guido Schuster und seinem Team vom ICAI. «Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit an der OST ist ein Glücksfall für uns», betont Brunner. Mit dem ICAI arbeitet man an der OST Hand in Hand. Ein bestehendes System aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz, bei dem Bewegungen von Menschen im 3D-Raum analysiert werden können, wird auf die Anforderungen der Lakers und der Physiotherapie erweitert.
«Es geht darum, dass wir nun in der Lage sind, die Exekutivfunktionen der Sportler gezielt zu trainieren. Die Exekutivfunktionen sind wichtig, um auf dem Spielfeld schnelle Entscheidungen zu treffen. Diese sind aber nach Gehirnerschütterungen beeinträchtigt. Mit dem neuen Trainingssystem wollen wir es den Spitzensportlern ermöglichen, Exekutivfunktionen bei höchster körperlicher Belastung zu trainieren. Zudem wollen wir evaluieren, wie kognitive Leistungsfähigkeit im Zusammenhang mit der Regeneration steht. Wir erhoffen uns zukünftig exakte Informationen über das Leistungsniveau des Sportlers», erklärt Brunner.
Sport ist der Ausgangspunkt
In der Umsetzung spielen die Spieler Video-Games (sogenannte Exergames), in denen es um Geschwindigkeit und Präzision geht und bei denen der Computer das 3D-Skelett des Sportlers im 3D-Raum berechnet. Zocken für die Gesundheit sozusagen.
Wobei das Wechselspiel zwischen körperlicher Gesundheit und sportlicher Leistungsfähigkeit auch immer Auswirkungen auf mehr als den Sportler selbst hat – auch wenn dies nicht direkt mit dem Projekt zusammenhängt. Aber was nützt ein nicht voll leistungsfähiger Mitspieler dem Team? Oder schadet er unter Umständen sogar dem Erfolg des Teams? Kann man den Einsatz eines angeschlagenen Sportlers vielleicht doch riskieren? Im Millionenspiel Profisport leider eine Grauzone, die viel zu oft nicht zum Wohl des Einzelnen ausgelegt wird.
Indes betont Brunner, dass der Sport nur der Ausgangspunkt sein soll für die kommende Anwendung künstlicher Intelligenz in der Physiotherapie: «Es ist immer einfacher, wenn wir vom kleineren Bereich des Profisports ausgehen und dies später auf allgemeine Anwendungen herunterbrechen. Aber das ist das klare Ziel. So wissen wir heute bereits, dass eine Abnahme der Gangvariabilität ein Zeichen für beginnende Neurodegenerationen sein kann. Oder aber, dass es einen Zusammenhang zwischen kognitiver Leistungsfähigkeit und Motorik bei Menschen mit Depressionen gibt. Dieses Feld ist sehr gross und hier ergeben sich immer mehr Möglichkeiten für Physiotherapie und Rehabilitation.»
Dabei steht das Innosuisse-Projekt noch ganz am Anfang. An einem sehr vielversprechenden allerdings. Und so könnte in ein paar Jahren der Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Physiotherapie tatsächlich zum Alltag gehören – zum Wohl aller Patientinnen und Patienten.
Kontakt
Dr. Emanuel Brunner
Studiengang BSc Physiotherapie, Studiengangsleiter
+41 58 257 14 61
emanuel.brunner@ost.ch
