Weltoffenheit gehört zur Bildung
Auch das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) sieht in Mobilitätsprogrammen mit Kulturaustausch und Fremdsprachenerwerb ein Schlüsselelement für Innovation. Nicht nur bei Hochschulabsolventinnen und -absolventen. Das SBFI hielt bereits vor fünf Jahren in der (vom Bundesrat erlassenen) Berufsbildungsstrategie fest: «Der internationale Austausch mit anderen Ländern ist eine berufspolitische Priorität der Schweiz.» Die Weltoffenheit der Schweizer Berufsbildung, ihre Profilierung im Ausland sowie der grenzüberschreitende Wissens- und Erfahrungsaustausch seien wesentliche Bestandteile dieser vorausschauenden Bildungsstrategie.
Innovation by Internationalization
«Die Schweizer Industriegeschichte kennt viele Beispiele, die zeigen, dass internationale Erfahrungen und Netzwerke entscheidend sind für den wirtschaftlichen Aufstieg eines Unternehmens», sagt Stefan Kammhuber, Leiter des IKIK Institut für Kommunikation und Interkulturelle Kompetenz an der OST – Ostschweizer Fachhochschule. In der Berufsbildung sei dies leider etwas in Vergessenheit geraten. Doch heute stehe «Innovation by Internationalization» wieder hoch im Kurs. Ein gutes Beispiel dafür sei das gleichnamige Pilotprojekt im Rahmen eines «Swiss Center of Vocational Excellence». 15Projektpartner aus neun Ländern (Finnland, Dänemark, England, Belgien, Holland, Spanien, Albanien, Deutschland, Schweiz) haben sich darin gefunden mit dem Ziel, Innovationsförderung in der Berufsbildung durch internationale Vernetzung umzusetzen. Gefördert wird es mit 580000 Franken von Movetia (der nationalen Agentur zur Förderung von Austausch und Mobilität im Bildungsbereich) im Auftrag des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation. Die Projektleitung liegt beim Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrum (GBS) in St.Gallen, die OST steuert ihre wissenschaftliche Expertise in interkultureller Kooperations- und Kompetenzförderung bei.
4K führen zum Ziel
«Ich glaube, dass die Schweizer Berufsbildung gut organisiert ist und gute Ergebnisse hervorbringt. Aber wenn es zum Beispiel darum geht, in einer chaotischen Situation den Überblick zu behalten, kreativ zu werden, kritisch zu kommunizieren oder über den Tellerrand unserer Bildungspläne zu blicken, kommen unsere Lernenden und wir selbst an Grenzen», wird GBS-Rektor Daniel Kehl in einer Publikation der Schweizerischen Gesellschaft für Angewandte Berufsbildungsforschung (SGAB) zitiert. Für das Lehren und Lernen im 21. Jahrhundert müssten deshalb die 4K im Vordergrund stehen: Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken.
Auch Stefan Kammhuber betont, dass interkulturelle Kompetenz mehr sei als nur Fremdsprachenlernen. «In anderen Kulturräumen schärfen Lernende, aber auch Bildungsinstitutionen ihren Blick für ihre eigene kulturelle Identität. Indem man andere kennenlernt, lernt man sich selbst kennen», sagt Psychologe Kammhuber. Auch könnten junge Berufsleute im Ausland andere Technologien und Verfahren lernen, das persönliche und berufliche Netzwerk erweitern und sich so fit machen für international vernetzte Betriebe. «Durch das Wagnis, sich in ein unbekanntes Umfeld zu begeben und offene Situationen zu riskieren, begeben sich Lernende aus ihrer Komfortzone heraus», sagt Kammhuber. Das bilde Selbstvertrauen und Zukunftskompetenzen. Um dieses Potenzial zu nutzen, bedarf es aber eines internationalen Mindsets in Schule und Betrieb, das in entsprechenden Strategien und Strukturen abgebildet sein muss und von der Grundeinstellung getragen ist, dass man auch in der Schweiz von anderen viel lernen kann.
Eine Baustelle, die niemals endet
Der OST-Professor, der eben erst von einem Treffen der Projektpartner am ROC Horizon College Alkmaar in Nordholland zurückgekehrt ist, gerät ins Schwärmen, wenn er von der dortigen Innovationskraft in der Berufsbildung spricht. Dort gibt es nicht nur einen E-Sport-Campus, der die IT-affinen Jugendlichen magisch anzieht, sondern auch eine konsequent auf Praxistransfer ausgerichtete Ausbildung. «Dort gibt es beispielsweise ‹die Baustelle, die niemals endet›, auf der die Lernenden der Baubranche in Teams mit realen Materialien und Maschinen ein Haus bauen, das danach wieder zurück gebaut wird. Es gibt einen eigenen Hotelbetrieb für externe Gäste, der von den Lernenden der Hotelbranche selbst geführt wird. Im ersten Jahr lernt man die einfachen Arbeiten wie Zimmer machen etc. kennen. Ganz am Schluss der Ausbildung folgt als Höhepunkt die Leitung des Betriebs für einen gewissen Zeitraum. Dort wird man dann auch im Arbeitsalltag geprüft und weniger anhand von Wissensabfragen in Klausuren. Da werden Fachkompetenzen und zentrale berufliche Handlungskompetenzen wie Team- und Kommunikationsfähigkeiten differenziert und praxisnah miteinander ausgebildet.»
Sowohl von der Konsequenz des «handlungskompetenzorientierten Lernens» als auch von der Entwicklung innovationsfördernder Kooperationen aus Politik, Bildungsbranche und Wirtschaft kann auch die Schweiz etwas lernen, davon ist Kammhuber überzeugt. Zudem sollen die jungen Erwachsenen ermuntert werden, im Ausland neue Erfahrungen und Kompetenzen zu sammeln. «Lernende gehen oft als Jugendliche ins Ausland und kommen als Erwachsene zurück», sagt Stefan Kammhuber. So wolle man dafür sorgen, dass die Schweizer Berufsbildung auch in Zukunft zur Spitze zähle und ihre Innovationskraft erhält.
Erstes Schweizer Projekt
Das Projekt «innoVET» wird von Movetia im Auftrag des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) gefördert. Damit findet erstmals die Gesamtförderung eines international aufgestellten «Center of Vocational Excellence» durch die Schweiz statt. Die Projektförderung ermöglicht die Umsetzung von über 300 Einzelmobilitäten. Die GBS St.Gallen, die OST – Ostschweizer Fachhochschule, das IDM Thun und die Wirtschaftsschule Thun bilden zusammen mit Movetia das Steering Board des Projektes. Mit 15 Partnerschulen von Finnland bis Gran Canaria und Nordengland bis Albanien ist das Projekt europaweit breit abgestützt. Hinzu kommen verschiedene Partner aus Wirtschaft, Industrie und Bildung in den jeweiligen Ländern.
Kontakt
Prof. Dr. Stefan Kammhuber
Leiter IKIK Institut für Kommunikation und interkulturelle Kompetenz
+41 58 257 45 53
stefan.kammhuber@ost.ch

