Rauch als grosser Treiber
Die 47-Jährige lebt südöstlich der Hauptstadt in einem kleinen Dorf auf 2350 Metern über dem Meeresspiegel. Sie ist Mutter und hält den Alltag zu Hause am Laufen. Die Rollen sind klar verteilt. Im Dorf leiden viele an Husten oder Atemnot. Vor allem Frauen sind den noxischen Stoffen ausgesetzt. Im Winter wird mit Öfen und offenen Feuerstellen geheizt und gekocht – ohne Dampfabzug. Stundenlang atmet Amina den giftigen Rauch ein. Zur Luftverschmutzung draussen kommt Rauch in Innenräumen hinzu.
Das erklärt auch die steigende Anzahl an Frauen im Land, die an COPD erkranken. Von ihrem Arzt erfährt Amina von der Behandlungsform der pulmonalen Rehabilitation. Er bietet ihr an, Teil eines internationalen Forschungsprojekts zu werden. «Ich war begeistert von der Idee und wollte mehr von dieser Therapiemethode erfahren», schwärmt Amina.
Forschung ausserhalb des Klassenzimmers
Nun ist sie unterwegs zum Sanatorium in Yssyk-Köl. Zuvor durchlief sie bereits in Bischkek Untersuchungen im Rahmen der Studie. Yssyk-Köl ist ein Gebirgssee, etwa fünf Autostunden von der Hauptstadt entfernt. Dort wird ein Teil der klinischen Studie durchgeführt. Hinter dem Projekt steht ein internationales Team: lokale Ärztinnen und Ärzte und Physiotherapie-Studierende der OST. Das Projekt erfolgt im Auftrag von Dr. Stéphanie Saxer, Dozentin der Ostschweizer Fachhochschule. Es wird unter anderem durch die Lungenliga Ost finanziert.
«Das Forschungsprojekt ist ideal, um den Studierenden eine Perspektive nach dem Studium aufzuzeigen und sie für eine Tätigkeit im Bereich der Forschung zu motivieren», erklärt Spencer Rezek. Er begleitet die Studierenden während drei der acht Wochen in Kirgisistan. Rezek ist klinischer Spezialist am Kantonsspital Winterthur, Physiotherapeut und Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der OST. Für ihn ist die Studie Teil seines PhD, den er an der Universität Maastricht absolviert. «Die Studierenden sitzen nicht nur im Klassenzimmer und lesen Studien durch, sondern sie arbeiten in internationalen Teams, helfen vor Ort und erarbeiten so ihre eigene Forschung.»
Für Lea Hiltbrunner war das der Hauptgrund, um nach Kirgisistan zu reisen. Was sonst im Unterricht theoretisch betrachtet wird, kann sie während acht Wochen praktisch erleben. «Ich finde es sehr lehrreich und spannend, Teil einer Studie zu sein», erzählt Hiltbrunner voller Freude. Insgesamt sind sieben Studierende aus der Schweiz beteiligt.
Die Studie schliesst COPD-Patientinnen und -Patienten ein. Die Forschenden wollen herausfinden, welche Auswirkungen zusätzlicher Sauerstoff während des Ausdauertrainings hat. COPD-Betroffene, die permanent Sauerstoff brauchen, sind von der Studie ausgeschlossen. Nun ist sie unterwegs zum Sanatorium in Yssyk-Köl. Zuvor durchlief sie bereits in Bischkek Untersuchungen im Rahmen der Studie. Yssyk-Köl ist ein Gebirgssee, etwa fünf Autostunden von der Hauptstadt entfernt. Dort wird ein Teil der klinischen Studie durchgeführt. Hinter dem Projekt steht ein internationales Team: lokale Ärztinnen und Ärzte und Physiotherapie-Studierende der OST. Das Projekt erfolgt im Auftrag von Dr. Stéphanie Saxer, Dozentin der Ostschweizer Fachhochschule. Es wird unter anderem durch die Lungenliga Ost finanziert.
Treten, Trampen, Trainieren
Die Rehabilitation dauert drei Wochen. Amina hat noch nie Ausdauersport betrieben oder strukturiert trainiert. Sie wird von zwei Physiotherapie-Studentinnen der OST in der mit Nadelbäumen umgebenen Heilstätte herzlich empfangen und auf ihr Zimmer geführt. Sie hat für die nächsten drei Wochen Seeblick. «In der Reha merken sie, dass es nicht gefährlich ist, sich zu belasten. Im Gegenteil: Es tut sogar körperlich und mental gut», betont Hiltbrunner.
Bevor die Rehabilitation beginnt, erheben die Forscherinnen und Forscher Daten, unter anderem den Sauerstoffgehalt im Blut oder die Herzfrequenz. Amina knetet ihre Finger. Sie sitzt auf einem Stuhl und wartet, bis ihr Name aufgerufen wird. «Amina, gerne zur Spiroergometrie», ruft ihr Jasmin Müller zu. Sie ist Physiotherapeutin und hat 2025 das Studium an der OST abgeschlossen. Gemeinsam mit Hiltbrunner führt sie die Spiroergometrie durch.
Eine Atemmaske, mehrere Kabel am Körper und ein kleiner Clip am Finger. Amina tritt in die Pedale des Hometrainers. Minute für Minute steigt die Belastung. Schweiss bildet sich auf ihrer Stirn. Bei der Spiroergometrie handelt es sich um eine Leistungserfassung, die im Bereich der Medizin und im Sport eingesetzt wird. Die Forschenden untersuchen, wie Herz, Lunge und Muskulatur zusammenspielen. Am Ende steht ein Watt-Wert. Mit diesem steuern die Studierenden anschliessend das Training der Rehabilitation.
«Es sind sehr herzliche Patientinnen und Patienten. Wenn man noch zwei bis drei Wörter Kirgisisch spricht, dann freuen sie sich und wollen einem gleich noch mehr beibringen», schmunzelt Jasmin Müller, während sie neben dem Ergometer steht.
Technologie und Wissen austauschen
Die pulmonale Rehabilitation gilt als die effektivste Behandlung zur Verbesserung der Lebensqualität und zur Reduktion der Atemnot bei Patientinnen und Patienten mit COPD. Diese beinhaltet neben dem Kraft- und Ausdauertraining auch Medikamentenschulungen, Aufklärung über die Krankheit, Atemübungen und Ernährungsberatung. Gemäss Lungenliga Schweiz leiden in der Schweiz rund 400 000 Menschen an COPD. Hauptrisikofaktor ist Zigarettenrauch: Rund 90 Prozent der Betroffenen in der Schweiz sind langjährige starke Raucherinnen und Raucher. Daneben gilt auch Feinstaubbelastung am Arbeitsplatz als Risiko, etwa in der Landwirtschaft oder der Industrie.
In Kirgisistan ist dieses Konzept der Rehabilitation wenig verbreitet. Betroffene bewegen sich kaum, was den Krankheitsverlauf zusätzlich verschlechtert. Die mangelnde Bewegung führt zu Muskelschwund und isoliert die Betroffenen, was zusätzlich zu depressiven Verstimmungen führen kann.
Ein Teil der internationalen Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und Kirgisistan ist es, auch Technologie und Wissen in das Gesundheitssystem des Landes in Zentralasien zu bringen. «Es war sehr schön zu sehen, was wir mit dem richtigen Training aus den Patientinnen und Patienten herausholen konnten», erläutert Müller. Die Zusammenarbeit sei sehr bereichernd gewesen.
Training als entscheidender Faktor
Der Kern einer Rehabilitation ist das Kraft- und Ausdauertraining. Es ist eine sehr effektive Strategie, um COPD-Patientinnen und -Patienten zu helfen. «Wir wollen den Alltag von Betroffenen erträglicher machen», erklärt Rezek. Er ist Studienverantwortlicher vor Ort. Es gebe eine Wissenslücke darüber, ob Betroffene davon profitieren, wenn sie während des Trainings in der Rehabilitation zusätzlichen Sauerstoff erhalten.
Das Ziel der Rehabilitation ist es, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen und so den Betroffenen, wie Amina, wieder mehr Lebensqualität zu geben. Nach einigen Tagen Reha merkt Amina, dass sie länger gehen kann, ohne stehen zu bleiben.
Sauerstoff – bringt der was?
Die Hypothese des Physioteams ist es, dass die Patientinnen und Patienten, die während der Rehabilitation den meisten zusätzlichen Sauerstoff erhalten, anschliessend die beste Leistung erbringen. Amina ist in der ersten von insgesamt drei Gruppen der Studie eingeteilt. Sie trainiert teils in Bischkek, teils am Yssyk-Köl-See. Der Gebirgssee in Zentralasien liegt auf einer Höhe von 1500 Metern über dem Meeresspiegel, was der Höhe vieler Reha-Zentren in der Schweiz entspricht. Die zwei weiteren Gruppen trainieren ausschliesslich in Bischkek, auf 700 Metern über dem Meeresspiegel. Die Studie ist als RCT angelegt. Das steht kurz für Randomized Controlled Trial: Weder Therapeutinnen und Therapeuten noch Patientinnen und Patienten wissen, wer echten Sauerstoff bekommt und wer nur normale Raumluft. So können die Forschenden Verzerrungen vermeiden und die Behandlung objektiv testen.
Hoffnung auf mehr Lebensqualität
Für Amina endet die Rehabilitation Ende September. «Den Patientinnen und Patienten geht es nach der Rehabilitation allen sehr gut und das ist eine grossartige Erkenntnis», staunt Physiotherapeutin Müller. Alle haben ihre Werte verbessert.
Die erhobenen Daten werden zurück in der Schweiz ausgewertet. Erste Erkenntnisse zeigen, dass die Rehabilitation grundsätzlich sehr effektiv war. «Zuvor hatte ich Angst vor jeder Anstrengung», erzählt Amina. «Nach diesem Training habe ich wieder Vertrauen in meinen Körper und weiss, wie gut Bewegung tut.» Das Forschungsprojekt dauert noch bis zum 31. Dezember 2026. Für Kirgisistan ist es von grosser Bedeutung. Es geht um Prävention und darum, Reha-Programme ins Gesundheitssystem zu integrieren.
Kontakt
Dr. Stéphanie Saxer
Dozentin, Studiengang BSc Physiotherapie
stephanie.saxer@ost.ch
Spencer Rezek
IGW Institut für Gesundheitswissenschaften
Klin. Spez. Pneumologie
spencer.rezek@ost.ch





