Symptome werden nicht erkannt
Gemäss einer Studie des landwirtschaftlichen Forschungszentrums Agroscope sind rund zwölf Prozent der Personen, die in der Landwirtschaft tätig sind, von Burnout oder Selbsttötungen betroffen. Das sind doppelt so viele wie in der Schweizer Bevölkerung allgemein. Hinter den Zahlen verbergen sich persönliche und familiäre Schicksale, zugleich aber auch grosse betriebliche und volkswirtschaftliche Schäden. «Ein Burnout in der Landwirtschaft ist besonders tückisch, weil er von den Betroffenen oftmals nicht wahrgenommen wird», erzählt Stefan Paulus. «Werden körperliche Warnsignale wie Einschlafschwierigkeiten und ständiges Grübeln ignoriert und ist keine Entspannung mehr möglich, kann es zu einem Burnout kommen.»
Oftmals erkennen die Betroffenen erst spät ihre Symptome und nehmen erst spät Hilfe in Anspruch. Wie können Bäuerinnen und Bauern gesundheitsgefährdende Belastungen frühzeitig erkennen? Wie müssen Angebote aussehen, damit sie die Betroffenen erreichen? Was braucht es, damit betroffene Landwirtinnen und Landwirte ihre Situation nachhaltig verbessern können? Zusammen mit Projektpartnerinnen und -partnern aus Landwirtschaft, Bauern- und Landfrauenverbänden suchte das Forschungsteam der OST nach Antworten.
Gleiche Sprache sprechen
Sie führten Interviews mit Personen aus dem bäuerlichen Umfeld und machten eine Online-Umfrage mit 368 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Die Ergebnisse zeigen, dass persönliche Beratungsangebote oftmals nicht bekannt sind oder nicht genutzt werden. «Dabei spielen Ängste, Scham und Tabus eine Rolle. Vielen fällt es schwer, über eigene Gefühle zu sprechen. Oftmals besteht auch ein Misstrauen gegenüber Hilfspersonen, die nicht in der Landwirtschaft tätig sind und nicht die ‹gleiche Sprache› sprechen würden», so Monika Lorez-Meuli, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt und diplomierte Landwirtin. «Auf grössere Akzeptanz treffen Beratungspersonen, die sich in der Landwirtschaft auskennen und selbst schon betroffen waren.»
Brückenbauer aus dem bäuerlichen Umfeld
Wenn Hilfsangebote die Menschen in der Landwirtschaft erreichen sollen, braucht es Vertrauen. Geeignet wären deshalb Personen aus dem bäuerlichen Umfeld, an die sich Bauern und Bäuerinnen wenden können, wenn es brennt. Hier setzen neue Beratungsansätze zur Burnout-Prävention an. Einer davon ist die Peer-Beratung. «Peers sind Kollegen oder Kolleginnen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und mit der Landwirtschaft vertraut sind», so Monika Lorez-Meuli. «Sie sollen den Kontakt zu professionellen Beratungsangeboten herstellen, damit eine erste Hilfe ins Rollen kommt. Dieses Modell wird bereits erfolgreich in Kanada eingesetzt, in der Schweiz wäre es ein Novum.»
Auch Fachpersonen aus dem landwirtschaftlichen Umfeld könnten als Brückenpersonen zum Aufsuchen von Beratungsangeboten eine wichtige Rolle einnehmen. «Für diese Aufgabe infrage kämen zum Beispiel landwirtschaftliche Berater, Tierärzte, Treuhänder oder Vieh- und Futtermittelverkäufer infrage, die regelmässig mit Landwirten in Kontakt sind. Sie könnten erste Ansprechpersonen sein», erläutert Stefan Paulus. «Ihre Aufgabe wäre es, Veränderungen und drohende Krisen zu erkennen und erste Brücken zu Hilfsangeboten zu schlagen.» Ein überkantonales Netzwerk mit Brückenpersonen und Peers aufzubauen und professionell zu begleiten, wäre ein wichtiger Schritt in der Burnout-Prävention.
Betroffene erzählen
Um eine breite Öffentlichkeit und Personen in der Landwirtschaft für das Thema zu sensibilisieren, spannen die Forscherinnen und Forscher mit ihren Netzwerkpartnerinnen und -partnern aus der Branche zusammen. In Filmen erzählen Betroffene mit grosser Offenheit von ihren Erfahrungen mit Burnout. Die Betroffenen berichten, welchen Belastungen sie ausgesetzt waren, wie sie lange funktioniert und nicht gemerkt haben, was mit ihnen los ist. Und sie erzählen, wie sie den Weg aus dem Burnout gefunden haben.
Im letzten Jahr haben die Netzwerkpartnerinnen und -partner des Forschungsprojekts «Burnout in der Landwirtschaft» eine Charta unterschrieben. Sie stellt eine Art Selbstverpflichtung dar, um die Arbeit des Netzwerkes zu verstetigen und die Präventionsarbeit voranzubringen. Neben den vorhandenen Beratungsangeboten sollen Peers und Brückenpersonen ausgebildet und das Thema Burnout in den landwirtschaftlichen Schulen behandelt werden.
Kontakt
Prof. Dr. habil. Stefan Paulus
IFSAR Institut für Soziale Arbeit und Räume
+41 58 257 18 51
stefan.paulus@ost.ch

