KI korrigiert Klausuren

Die OST-Informatikstudenten Nicola Dall’Acqua und Sylvester Homberger haben in ihrer Bachelorarbeit Ansätze dazu untersucht, wie sich qualitativ hochstehende handschriftliche Trainingsdaten für KI bereitstellen lassen. Die ETH Zürich benötigt Unmengen solcher Daten, um die KI Apertus auf das Lesen mathematischer und naturwissenschaftlicher Formeln zu trainieren. Damit soll die KI künftig bei der Korrektur von Prüfungen die Fleissarbeit übernehmen. 

«Trainingsdaten für KI sind das Gold des 21. Jahrhunderts», sagt der Informatikstudent Nicola Dall’Acqua. Während er im elften Stock des Fachhochschulturms der OST in St.Gallen sitzt, verheissen die Wolken, die sich über dem Westen von St.Gallen in gräulichen Nuancen aufbäumen, selbst eine gewisse Goldgräberstimmung. Vor sich hat er einen Laptop mit dem PDF seiner Bachelorarbeit, die er zusammen mit Sylvester Homberger für die ETH verfasst hat.

Hintergrund ist, dass die ETH der Schweizer KI Apertus beibringen will, handschriftliche naturwissenschaftliche Zeichensysteme zu erkennen. Bei Apertus handelt es sich um das vollständig offene, transparente und mehrsprachige Modell, das Forschende der EPFL, der ETH Zürich und des Schweizerischen Supercomputing-Zentrums CSCS in Lugano entwickelt haben.

Nicola Dall’Acqua arbeitet neben seinem berufsbegleitenden OST-Studium am ETH AI Center und hat Berührungspunkte zu Apertus. Sein Vorgesetzter, Dr. Gerd Kortemeyer, fragte ihn, ob er in seiner Bachelorarbeit einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Schweizer KI leisten wolle. Sein Kommilitone Sylvester Homberger, der neben seinem Studium bei PostFinance als Informatiker tätig ist, war auf der Suche nach einem Thema – und so fanden sie zusammen.

Dieses Bild veranschaulicht die Digitalisierung handschriftlicher Formeln.

Intellektueller «Preiszerfall»

Doch wieso soll Apertus Skizzen und Formeln lesen können? Das liegt auch daran, wie KI die Wissensgesellschaft verändert hat. «Durch KI ist die richtige Antwort billig geworden», sagt Gerd Kortemeyer. Er beschäftigt sich mit KI in der Lehre. Den intellektuellen «Preiszerfall» untermauert er mit Zahlen: Lässt man die gängigen Modelle Prüfungen des ersten Studienjahres lösen, resultieren in 95 Prozent der Fälle korrekte Antworten – auch bei komplexen Fragestellungen. 

Fraglich bleibt, welche Algorithmen und Trainingsdaten bei den Modellen von OpenAI, Anthropic oder Google am Werk sind. Aufgrund dieser Entwicklung verfolgen zunehmend mehr Dozierende den Ansatz, dass Studierende im ersten Jahr mit Papier und Bleistift den Lösungsweg herleiten müssen. «Damit sollen sie unter Beweis stellen, ob sie die grundlegenden Konzepte verstanden haben», sagt Kortemeyer. Doch die Bewertung von hunderten handschriftlichen Prüfungen ist mit grossem Aufwand verbunden. «Die KI soll die Funktion einer zusätzlichen Hilfsassistenz übernehmen», sagt er. Sie korrigiert Prüfungen und verteilt Punkte, wobei Hilfsassistierende, Dozierende und Studierende weiterhin eingebunden werden. Die Note vergibt eine Professorin oder ein Professor. 

Durch KI ist die richtige Antwort billig geworden.

Dr. Gerd Kortemeyer, ETH AI Center

Das Übungsmaterial ist rar

Damit eine KI handschriftliche Formeln und Herleitungen eindeutig lesen kann, muss sie das zunächst lernen. Doch hochwertiges Übungsmaterial ist rar. Im Fall mathematischer und chemischer Formeln ist der Fundus nochmals kleiner. Hinzu kommt: Damit Apertus keine Fehler lernt, müssen sowohl die handschriftliche Quelle wie auch die maschinenlesbaren Referenzdaten übereinstimmen – und korrekt sein. Hier kommt der Begriff «Ground Truth», eine Art Transkript der Handschrift, ins Spiel. Deshalb beginnt man mit einer Ground Truth mit gesichertem Inhalt – etwa «a2 + b2 = c2» – und erzeugt mittels KI eine Vielzahl künstlicher Handschriften. «Damit kann man in kurzer Zeit sehr viele Trainingsdaten generieren», sagt Sylvester Homberger. Denn um eine KI zu trimmen, sind Millionen von Datenpunkten notwendig.

Die ETH hat bereits einen Automatismus entwickelt, der die Computerschrift in eine Art Handschrift umwandelt. Die Qualität ist auf den ersten Blick erstaunlich. Dall’Acqua dreht im OST-Sitzungszimmer den Laptop und zeigt ein Dokument, das handschriftlich aussieht. «Doch die Textzeilen sind gerade», sagt sein Kommilitone Homberger und fährt mit dem Finger der Zeile entlang. Jedes A sieht wie das andere aus. Die Software erzeugt bei gleichem Input immer das gleiche Ergebnis. Variabilität Fehlanzeige. Diese ist jedoch charakteristisch für die menschliche Handschrift: Schreibt ein Mensch, gibt es bei jedem Buchstaben feine Unterschiede. Zudem schreibt jede Person anders, sodass die Handschrift persönlich ist. «Unsere Forschungsfrage war, ob sich das Regelbasierte mittels generativer KI aufbrechen lässt», sagt Dall’Acqua. Zudem sollte ein wiederholbares und messbares Verfahren zur Beurteilung des Realitätsgrades von generierter Handschrift entwickelt werden.

In ihrer Bachelorarbeit haben die Studenten mithilfe generativer KI drei Ansätze verfolgt und getestet.

  • Document Augmentation: Hierfür wurden KI-generierte handschriftliche Dokumente durch generative KI-Modelle bearbeitet, um die Handschrift realistischer zu gestalten, ohne den Inhalt zu verändern.
  • Document Subsection Augmentation: Hierbei wurden nur die problematischsten Abschnitte – beispielsweise mathematische Formeln – von Dokumenten durch generative Modelle bearbeitet, um spezifische Aspekte wie die Darstellung von Formeln zu verbessern.
  • Font Generation: Dieser Ansatz zielte darauf ab, neue handschriftliche Schriftarten mithilfe von generativer KI zu erzeugen, um die Variabilität der Handschriften zu erhöhen.

Homberger und Dall’Acqua unterzogen alle drei Ansätze einer Qualitätskontrolle. Damit sollte primär das Phänomen der Halluzinationen reduziert werden. «Halluzinationen sind im Bereich mathematischer Formeln ein Problem», sagt Homberger. Dall’Acqua zieht folgendes Fazit ihrer Arbeit: «Alle drei Ansätze sind interessant, liefern aber noch unzureichende Ergebnisse. Probleme wie die zu geraden Textzeilen bleiben bestehen.» 

Halluzinationen sind im Bereich mathematischer Formeln ein Problem.

Sylvester Homberger, Informatikstudent der OST

Der Realitätscheck

Die mit ihren Ansätzen verbesserten synthetischen Handschriften haben sie einem menschlichen Test unterzogen. Sie haben Versuchspersonen nacheinander 30 Dokumente vorgelegt, die entweder generiert oder menschlich waren. Das Resultat: Die Mehrheit konnte echte von generierten Dokumenten unterscheiden. In einem weiteren Test – einem Paarvergleich – mussten die Teilnehmenden entscheiden, welches Dokument echt und welches synthetisch ist. In 87 Prozent der Fälle war die Zuordnung korrekt. «Somit lässt sich die Frage nach dem Aufbrechen des Regelbasierten mit ‹aktuell nicht möglich› beantworten», sagt Dall’Acqua.

Die Arbeit birgt laut Dr. Kortemeyer von der ETH aber dennoch weiteres Potenzial. So könnte Apertus darauf aufbauend Fotografien von Wandtafeln oder Whiteboards lesen. «Damit wäre es beispielsweise möglich, eine Funktionsgrafik zu befragen», so Kortemeyer. Damit würden Barrieren abgebaut, gerade für Blinde und sehbehinderte Menschen. Die sogenannte Screenreader-Technologie erlaubt es zwar, Geschriebenes vorlesen oder in Brailleschrift umwandeln zu lassen. Aber bei der Übersetzung komplexer mathematischer Formeln – insbesondere in handschriftlicher Form – in eine sprachliche Dimension stösst diese Technologie an ihre Grenzen. 

Nicola Dall’Acqua und Sylvester Homberger stehen auf der Terrasse des OST-Fachhochschulturms in St.Gallen.
Haben an der OST Informatik studiert: Nicola Dall’Acqua und Sylvester Homberger stehen auf der Terrasse des OST-Fachhochschulturms in St.Gallen.

Masterstudium an der ETH

Die Arbeit bescherte Nicola Dall’Acqua und Sylvester Homberger exklusive Zugänge: Sie konnten mit einem Supercomputer arbeiten. Dieser ist mit rund 10 000 Grafikkarten ausgestattet und erbringt enorme Rechenleistungen. «Das war ein sehr spezieller Moment», sagt Dall’Acqua. «Mein Computer zu Hause hat genau eine Grafikkarte.»

Die ETH hat die OST-Absolventen neugierig gemacht – im Herbst beginnen sie ihr Masterstudium in Zürich. «Wir müssen nur gewisse Grundlagen in Mathematik nachholen», so Sylvester Homberger. Vielleicht nimmt dann bereits Apertus – durch sie dafür fit gemacht – die Korrektur ihrer Prüfungen vor. 

Kontakt

Prof. Dr. Mitra Purandare
IFS Institut für Software
+41 58 257 46 44
mitra.purandare@ost.ch