Intellektueller «Preiszerfall»
Doch wieso soll Apertus Skizzen und Formeln lesen können? Das liegt auch daran, wie KI die Wissensgesellschaft verändert hat. «Durch KI ist die richtige Antwort billig geworden», sagt Gerd Kortemeyer. Er beschäftigt sich mit KI in der Lehre. Den intellektuellen «Preiszerfall» untermauert er mit Zahlen: Lässt man die gängigen Modelle Prüfungen des ersten Studienjahres lösen, resultieren in 95 Prozent der Fälle korrekte Antworten – auch bei komplexen Fragestellungen.
Das Übungsmaterial ist rar
Damit eine KI handschriftliche Formeln und Herleitungen eindeutig lesen kann, muss sie das zunächst lernen. Doch hochwertiges Übungsmaterial ist rar. Im Fall mathematischer und chemischer Formeln ist der Fundus nochmals kleiner. Hinzu kommt: Damit Apertus keine Fehler lernt, müssen sowohl die handschriftliche Quelle wie auch die maschinenlesbaren Referenzdaten übereinstimmen – und korrekt sein. Hier kommt der Begriff «Ground Truth», eine Art Transkript der Handschrift, ins Spiel. Deshalb beginnt man mit einer Ground Truth mit gesichertem Inhalt – etwa «a2 + b2 = c2» – und erzeugt mittels KI eine Vielzahl künstlicher Handschriften. «Damit kann man in kurzer Zeit sehr viele Trainingsdaten generieren», sagt Sylvester Homberger. Denn um eine KI zu trimmen, sind Millionen von Datenpunkten notwendig.
Der Realitätscheck
Die mit ihren Ansätzen verbesserten synthetischen Handschriften haben sie einem menschlichen Test unterzogen. Sie haben Versuchspersonen nacheinander 30 Dokumente vorgelegt, die entweder generiert oder menschlich waren. Das Resultat: Die Mehrheit konnte echte von generierten Dokumenten unterscheiden. In einem weiteren Test – einem Paarvergleich – mussten die Teilnehmenden entscheiden, welches Dokument echt und welches synthetisch ist. In 87 Prozent der Fälle war die Zuordnung korrekt. «Somit lässt sich die Frage nach dem Aufbrechen des Regelbasierten mit ‹aktuell nicht möglich› beantworten», sagt Dall’Acqua.
Die Arbeit birgt laut Dr. Kortemeyer von der ETH aber dennoch weiteres Potenzial. So könnte Apertus darauf aufbauend Fotografien von Wandtafeln oder Whiteboards lesen. «Damit wäre es beispielsweise möglich, eine Funktionsgrafik zu befragen», so Kortemeyer. Damit würden Barrieren abgebaut, gerade für Blinde und sehbehinderte Menschen. Die sogenannte Screenreader-Technologie erlaubt es zwar, Geschriebenes vorlesen oder in Brailleschrift umwandeln zu lassen. Aber bei der Übersetzung komplexer mathematischer Formeln – insbesondere in handschriftlicher Form – in eine sprachliche Dimension stösst diese Technologie an ihre Grenzen.
Masterstudium an der ETH
Die Arbeit bescherte Nicola Dall’Acqua und Sylvester Homberger exklusive Zugänge: Sie konnten mit einem Supercomputer arbeiten. Dieser ist mit rund 10 000 Grafikkarten ausgestattet und erbringt enorme Rechenleistungen. «Das war ein sehr spezieller Moment», sagt Dall’Acqua. «Mein Computer zu Hause hat genau eine Grafikkarte.»
Die ETH hat die OST-Absolventen neugierig gemacht – im Herbst beginnen sie ihr Masterstudium in Zürich. «Wir müssen nur gewisse Grundlagen in Mathematik nachholen», so Sylvester Homberger. Vielleicht nimmt dann bereits Apertus – durch sie dafür fit gemacht – die Korrektur ihrer Prüfungen vor.
Kontakt
Prof. Dr. Mitra Purandare
IFS Institut für Software
+41 58 257 46 44
mitra.purandare@ost.ch




