Mittel zu einem besseren Umgang mit Stress
Es gibt Wege, um die eigene Widerstandskraft gegen Stress zu stärken und damit zu verhindern, dass sich dieser negativ auf die eigene Gesundheit auswirkt. Ein gutes Fundament bilden gemäss Manuel P. Stadtmann regelmässige körperliche Aktivität, ausgewogene Ernährung sowie ausreichend Schlaf. Für die emotionale Stabilität seien sozialer Austausch und zwischenmenschliche Beziehungen von grossem Wert. «Auch kreatives Schaffen oder Hobbys im Allgemeinen können ein Ventil für Stressabbau sein.» Als äusserst hilfreich hätten sich zudem Achtsamkeitstraining, Meditation und progressive Muskelrelaxation erwiesen. «Die Kombination all dieser Massnahmen und Techniken unterstützt eine umfassende Stressbewältigung und fördert das allgemeine Wohlbefinden», sagt Stadtmann, der unter anderem den CAS Stress und Stressmanagement an der OST leitet.
Für die psychische Widerstandsfähigkeit sei auch die Fähigkeit entscheidend, Probleme konstruktiv anzugehen oder Perspektivenwechsel zu praktizieren, so der Professor. «Jedoch müssen wir aufpassen, die Verantwortung nicht auf Individuen zu verlagern, wenn die Strukturen suboptimal sind.»
In betriebliches Gesundheitsmanagement investieren
Solch suboptimale Strukturen bestehen etwa dann, wenn Arbeitnehmende einer dauerhaft hohen Arbeitsbelastung ausgesetzt sind. Der Job-Stress-Index 2022 von Gesundheitsförderung Schweiz zeigt, dass fast 30 Prozent der Erwerbstätigen über mehr Belastungen als Ressourcen berichten. Sie erleben beispielsweise mehr Zeitdruck oder auch mehr Konflikte am Arbeitsplatz und erhalten weniger Handlungsspielraum oder allgemeine Wertschätzung.
Um Arbeitnehmende nachhaltig zu unterstützen, sei es für Unternehmen essenziell, in ein betriebliches Gesundheitsmanagement zu investieren, sagt Stephan Melliger, der über langjährige Erfahrung als Case Manager verfügt und den CAS Case Management an der OST leitet. «Zu diesem betrieblichen Gesundheitsmanagement gehört es, klare Erwartungen und Rollen festzulegen, Ressourcen und Unterstützung bereitzustellen sowie eine flexible Arbeitseinteilung und Pausen zu ermöglichen.» Eine weitere wichtige Massnahme sei die Förderung der Work-Life-Balance mit einer Begrenzung der Überstunden sowie genügend Freiraum für Erholung, Entspannung und Freizeitaktivitäten. Zudem gelte es, Schulungen und Sensibilisierungsmassnahmen anzubieten und Strategien zur Stressbewältigung zu vermitteln, so Melliger. Ebenfalls brauche es Programme zur Früherkennung von psychischen Erkrankungen und zur Unterstützung Betroffener, ein gut funktionierendes Absenzmanagement sowie ein Case Management, um Personen, die längere Zeit ausgefallen sind, bei der beruflichen Wiederintegration zu begleiten.
Angst vor Stigmatisierung und beruflichen Konsequenzen
Nicht immer ist die Arbeit Stressauslöser. Auch private Herausforderungen haben einen Einfluss aufs Erwerbsleben. «Bei Auszubildenden ist es oft der Umgang mit sozialen Medien, bei jungen Eltern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und bei älteren Mitarbeitenden die Pflege der Eltern», sagt Stephan Melliger. «Diese Belastungsfaktoren wirken sich auf die Leistungsfähigkeit, die Anwesenheit und das Verhalten der Mitarbeitenden aus.» Deshalb lohne es sich für Unternehmen auch betriebswirtschaftlich, Unterstützung anzubieten, etwa in Form einer internen oder externen betrieblichen Sozialberatung.
Er beobachte jedoch, dass sich viele Unternehmen ausschliesslich auf die körperliche Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz konzentrieren und dabei die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden vernachlässigen, so Melliger.
Gemäss Manuel P. Stadtmann wächst zwar das Bewusstsein für die psychische Gesundheit. Trotzdem sei der Umgang mit psychischem Stress und Erkrankungen in der Arbeitswelt oft ein Tabuthema. «Viele Menschen zögern, ihre Herausforderungen am Arbeitsplatz zu teilen, aus Angst vor Stigmatisierung oder beruflichen Konsequenzen.» Sowohl er als auch Stephan Melliger halten fest, dass den Führungskräften eine besondere Rolle zukommt. Diese könnten massgeblich zu einer frühzeitigen Erkennung psychischer Erkrankungen, zur Entstigmatisierung Betroffener und zur Schaffung einer gesundheitsfördernden Arbeitsumgebung beitragen.
Kontakt
Prof. Dr. Manuel P. Stadtmann
Studiengang MSc Pflegewissenschaft
Professor for Mental Health and Head of the Competence Centre for Mental Health
+41 58 257 14 04
manuel.stadtmann@ost.ch
