Hartnäckige Klischees
«Der Beruf hat mit vielen klischeehaften Vorstellungen zu kämpfen», so Stefan Richter. «Eine davon heisst: Informatiker:innen sind Nerds, die den ganzen Tag allein vor ihrem Computer sitzen und kaum Kontakt mit anderen Menschen haben.» Das Gegenteil ist der Fall. Informatikerinnen und Informatiker sind meist in interdisziplinären Teams tätig und müssen kommunikativ sein. Ein anderes Vorurteil, das sich hartnäckig hält, lautet: Informatik kann man oder nicht. Auch diese Vorstellung gehört in den Bereich der Legenden. Nicht alle in der Informatik haben schon seit Kindertagen ihre gesamte Freizeit am Bildschirm verbracht. Programmieren ist erlernbar wie jedes andere Fachgebiet auch.
Informatik sucht kreative Köpfe
In solchen Klischees über Beruf und Tätigkeitsfeld verortet die Wirtschaftsinformatikerin Sabrina Javaid einen möglichen Grund für das geringe Interesse der Frauen. Deshalb hat die Hochschule eine breit angelegte Kampagne lanciert, die mit Vorurteilen aufräumen und das weite Praxisfeld der Informatik zeigen will. Unter dem Motto «Die Informatik sucht kreative Köpfe» werden gezielt Frauen angesprochen. Die Idee hinter der Kampagne: Studentinnen und Absolventinnen der Studiengänge Informatik und Wirtschaftsinformatik erzählen, wie sie das Studium und den Berufsalltag erleben. Es gilt, die Sichtbarkeit von Frauen zu erhöhen. Denn kaum etwas wirkt motivierender als Vorbilder.
Andere Perspektiven durch Frauen
«Ob in der Wirtschaft, der Politik oder der Gesellschaft: Informationssysteme nehmen praktisch überall eine unverzichtbare Rolle ein. Und da braucht es mehr Frauen!», ist Pascale Baer-Baldauf, Institutsleiterin für Informations- und Prozessmanagement (IPM), überzeugt. «Ob Klimakrise, Umweltprobleme, Fake News oder Sicherheitspolitik – die Informatik wirkt in fast alle Lebensbereiche hinein. Für erfolgreiche Lösungen brauchen wir unterschiedliche Perspektiven und Ansätze. Deshalb sind die Kompetenzen der Frauen gefragt.»
Mit der Flexibilisierung der Studienstruktur und einem Teilzeitstudium ist ein wichtiger Schritt getan, um auch Eltern mit kleinen Kindern ein Studium zu normalen Tageszeiten zu ermöglichen. An drei Präsenztagen lässt sich an der OST in acht Semestern ein vollständiges Informatikstudium absolvieren. Ein weiteres Novum ist die freie Studien- und Stundenplanwahl, mit der das Studium vollständig auf die eigenen Interessen zugeschnitten werden kann.
Cracking the Code
Laut der Unesco-Studie «Cracking the Code» unterscheiden sich beide Geschlechter bis zu einem Alter von etwa elf Jahren kaum in ihrem Interesse an den sogenannten MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Danach nimmt die gesellschaftliche Prägung auf «typisch männliche, typisch weibliche» Stereotype zu. Deshalb sollten Mädchen möglichst frühzeitig und immer wieder durch persönliche Erfahrungen mit Informatik in Kontakt kommen.
Hier setzen Programme wie Digital Girls oder just4girls an, die die OST im Rahmen ihrer Nachwuchsförderung anbietet. Schülerinnen erhalten die Möglichkeit, sich auf spielerische Weise mit Informatik auseinanderzusetzen. Wer sich weiter in die Materie vertiefen will, kann am Mentoring-Programm teilnehmen und wird von einer Informatik-Studentin begleitet. «Digital Ladies» spricht junge Frauen ohne technischen Lehrabschluss und Gymnasiastinnen an. Studiengangsleiter Stefan Richter über das neue Angebot: «Wir führen eine Serie von Lady Hackathons durch. Die Teilnehmerinnen stellen auf kreative und unterhaltsame Art gemeinsam Softwareprodukte her und tüfteln zusammen an Problemlösungen. Dabei soll natürlich der Spassfaktor nicht zu kurz kommen.»
Lady-Train in die Informatik
Um weitere Hürden abzubauen und den Zugang zur Informatik zu verbessern, bietet die Fachhochschule in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft ein Praktikum für Interessentinnen ohne Informatikvorkenntnisse an. Auf ihrem Weg in die Informatik erhalten die Frauen umfassende Unterstützung. «Für Quereinsteigerinnen bietet auch der Vorkurs eine gute Möglichkeit, sich auf Praktikum und Informatikstudium vorzubereiten. Während des Studi-
ums werden ausserdem Tutorate angeboten, in denen ältere Studierende den jüngeren den Stoff erklären», erläutert der engagierte Informatikprofessor Stefan Richter. All die vielfältigen Initiativen zielen darauf ab, bestehende Beschränkungen und Vorurteile gegenüber der Informatik abzubauen und Frauen den Weg in die Informatik so leicht wie möglich zu machen.
Diversity als Erfolgsstrategie im Fachbereich Windenergie
Wie sich erfolgreich Frauen für die Ingenieurwissenschaften rekrutieren lassen, macht Sarah Barber, Leiterin des Fachbereichs Windenergie im Institut für Energietechnik (IET), vor. Sie wollte es nicht einfach hinnehmen, dass im Institut fast ausschliesslich Männer tätig sind, und änderte für ihren Bereich die Rekrutierungsstrategie.
«Wir haben eine Diversity-Strategie für den Aufbau des Fachbereichs Windenergie entwickelt, um uns möglichst vielfältig aufzustellen», erklärt die promovierte Ingenieurin. «Alle Forschungsstellen schreiben wir mit einer Pensumsbandbreite von 50 bis 100 Prozent aus. Teilzeit und flexible Arbeit sind erwünscht. Unsere Anforderungsprofile sind potenzialorientiert und in Stellenausschreibungen erwähnen wir unser Diversity-Engagement.» Damit konnte Sarah Barber den Frauenanteil im Fachbereich Windenergie in kurzer Zeit von 15 auf bald 40 Prozent steigern.
Um die Windenergiebranche diverser zu machen, engagiert sich die Windexpertin im Global-Leadership-Programm «Women in Wind» und
ist Präsidentin des «Diversity Committee» der European Academy of Wind Energy. Diversität heisst für Sarah Barber, andere Forschungsschwerpunkte zu entwickeln, die Arbeits- und Teamzeiten familienfreundlich zu gestalten, individuelle Lebenslagen zu berücksichtigen und die eigene Führungsaufgabe aktiv wahrzunehmen. Ansätze, die Erfolg versprechen.
Programmieren war Frauensache
Was kaum jemand weiss: Als die Informatik noch in den Kinderschuhen steckte, war Computing und Programmieren ein typischer Frauenberuf. Bis Ende der 1950er-Jahre waren es mehrheitlich Frauen, welche die Computerprogramme entwickelten. Der Grund: Die Programmierarbeit war wenig angesehen, galt als leichte Arbeit und wurde deshalb an Bürokräfte mit niedrigem Status delegiert. Erst als die Informatik an Wichtigkeit gewann, übernahmen die Männer das Zepter. Die Löhne stiegen, Prestige und Einfluss nahmen zu. Jetzt gilt es, die Frauen wieder ins Boot zu holen.
Kontakt
Dr. Sabrina Javaid
Lehrbeauftragte Weiterbildung
Lehrbeauftragte CAS BWL und MAS Business Administration
sabrina.javaid@ost.ch




