Ausgabe 01 / 2025

Enormes Potenzial der körperlichen Aktivität nutzen

Ursula Ammann

Regelmässige Bewegung senkt das Risiko für physische und psychische Erkrankungen, spielt aber auch bei deren Behandlung eine wichtige Rolle. Zunehmende Beachtung erhält dabei das motorisch-kognitive Training. Es verbindet körperliche Aktivität mit kognitiven Aufgaben. Diesem innovativen Ansatz widmet sich ein neuer Zertifikatskurs an der OST.

Der modernen Zivilgesellschaft mangelt es an fast nichts – ausser an Bewegung. Das hat verheerende Folgen für die Gesundheit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt Erwachsenen deshalb, sich pro Woche mindestens 150 bis 300 Minuten mit moderater Intensität oder 75 bis 150 Minuten mit intensiver Intensität zu bewegen. Dieses Mass an körperlicher Aktivität braucht der Mensch, um gesund zu bleiben. Regelmässige Bewegung stärkt das Herzkreislaufsystem, verbessert die Lungenfunktion und unterstützt das Immunsystem. Dadurch reduziert sich das Risiko für chronische Erkrankungen wie beispielsweise Herzkreislauferkrankungen, Schlaganfälle oder Diabetes. Genauso wichtig ist körperliche Aktivität aber auch für die mentale Gesundheit. Wie Studien zunehmend belegen, beugt Bewegung insbesondere Depressionen und Angsterkrankungen vor. Sie hilft aber auch bei deren Behandlung.

Alte Frau mit VR-Brille.
Ob bei Schlaganfall oder Depressionen

Körperliche Aktivität bietet somit ein enormes Potenzial in der Prävention und Rehabilitation von physischen und psychischen Erkrankungen. Zunehmende Beachtung findet in diesem Zusammenhang die Kombination von motorischem Training mit kognitiv anspruchsvollen Aufgaben. Dabei werden motorische Fähigkeiten wie Koordination, Gleichgewicht und Ausdauer gleichzeitig mit kognitiven Fähigkeiten wie Gedächtnis, Aufmerksamkeit oder räumlicher Wahrnehmung gefördert. Die bisherige Forschung weist vielversprechende Resultate auf. Die Effektivität hängt von der Form des motorisch-kognitiven Trainings ab. Daher wird dieser Ansatz vom Team Physiotherapie an der OST in laufenden Projekten überprüft. Wissen und Kompetenzen dazu vermittelt der neue CAS Motorisch-kognitives Training in Sport und Rehabilitation an der OST. Der Zertifikatskurs steht unter der Leitung von Anne Kelso und Martina Betschart, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen im Departement Gesundheit.

Im CAS setzen sich die Teilnehmenden mit den Wechselwirkungen zwischen körperlicher Aktivität und Gesundheit auseinander – mit Fokus auf Motorik und Kognition. Dabei gewinnen sie einen vertieften Einblick in motorisch-kognitive Lern- und Trainingsprinzipien. Zum Beispiel bei neurologischen Erkrankungen wie Schlaganfällen aber auch bei psychischen Erkrankungen wie Depressionen. Sie lernen dabei auch praktische Anwendungsmöglichkeiten kennen. «Eine Form des motorisch-kognitiven Trainings sind beispielsweise aktive Videospiele, sogenannte Exergames», erklärt Anne Kelso. «Eine kürzlich veröffentliche Übersichtsarbeit hat gezeigt, dass Exergames auch das Potenzial haben, depressive Symptome zu reduzieren.»

«Motorisch-kognitives Training ist nah an unserem Alltag, weil unsere täglichen Aktivitäten stetig ein enges Zusammenspiel zwischen motorischen Fähigkeiten und kognitiven Prozessen erfordern», sagt Martina Betschart. Zum Beispiel unterhalten wir uns, während wir gehen, oder weichen Hindernissen bewusst aus. Wir lesen oder telefonieren, während wir im Bus das Gleichgewicht halten.

Wirksame Behandlung der Depression

Körperliche Aktivität beziehungsweise körperliches Training wird in der Praxis oft noch nicht als vorrangige Therapiemassnahme bei psychischen Erkrankungen eingesetzt. «Dies trotz konkreter Empfehlungen aus Studien und Metaanalysen und obwohl diese Hinweise geben, dass körperliche Aktivität ähnliche Effekte haben kann wie Psychopharmaka und Psychotherapie», sagt Anne Kelso.

Die Hürden liegen laut Anne Kelso und Martina Betschart darin, dass die Adaption neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse in den therapeutischen Alltag immer eine gewisse Zeit dauert. Auch die unterschiedliche Herangehensweise der verschiedenen Fachdisziplinen stelle eine Herausforderung dar.

Evidenzbasierte Konzepte für die Praxis

Christian Imboden, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, weist in einer Studie darauf hin, dass heute 30 Prozent der Menschen mit einer depressiven Erkrankung aufgrund mangelhaften Ansprechens auf Antidepressiva als schwer zu behandeln gelten. Er betont die hohe Bedeutung und das Potenzial der körperlichen Aktivität in der Prävention und Behandlung psychischer Erkrankungen. Imboden ist einer der Experten und Expertinnen, die im CAS Motorisch-kognitives Training in Sport und Rehabilitation unterrichten werden.

Insgesamt sollen die Teilnehmenden im Zertifikatskurs befähigt und bestärkt werden, Forschungserkenntnisse zum positiven Effekt körperlicher Aktivität auf die physische und psychische Gesundheit in Konzepte zu überführen und im Praxisalltag umzusetzen. Dieses Know-how ist in unterschiedlichsten Bereichen gefragt – ob in der Physiotherapie, der Psychiatrie oder der Rehabilitationsmedizin.

Kontakt

Dr. Anne Kelso
Departement Gesundheit / BSc Physiotherapie
+41 58 257 15 93
anne.kelso@ost.ch

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