Folgen von Dekubitus teils verheerend
Diese veränderte Position ist immens wichtig. Wie wichtig genau, führt Piai aus: «Mangelnde Durchblutung setzt oftmals bereits nach wenigen Minuten ein. Durch den Druck werden die Gefässe blockiert und das menschliche Gewebe nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Dies mit teils gravierenden Folgen.» Entsprechende Bilder gibt es zwar zur Genüge, würden an dieser Stelle aber durchaus verstörend wirken, zeigen sich doch bei schweren Verläufen ganze Löcher im Körper, die unvorstellbare Schmerzen bei den Betroffenen hervorrufen und eine vollständige Genesung oftmals fast nicht mehr möglich machen. Schaut man sich die Statistiken an zu Personen, die unter Dekubitus leiden, so wird die Notwendigkeit umso deutlicher, hier Hilfen und Erleichterungen für Betroffene und Pflegepersonal zu schaffen. In der Schweiz gibt es etwa 18 000 Fälle von Dekubitus pro Jahr, in Europa gut 1 Million und allein in den USA werden 1,8 Millionen Fälle verzeichnet. Alles in allem bedeuten allein diese Zahlen eine Belastung des Gesundheitswesens von unfassbaren 30 Milliarden Dollar. Die Kosten in der Schweiz summieren sich auf 300 Millionen Dollar – knapp 270 Millionen Schweizer Franken.
«Bewegung ist eindeutig am sinnvollsten bei der Vermeidung solcher Druckgeschwüre. Doch oftmals vergessen gefährdete Personen schlichtweg, dass sie sich schon wieder bewegen müssen, oder die Intervalle, in denen das Pflegepersonal helfen kann, sind zu lang bemessen. Hierbei kann unsere Entwicklung entscheidend helfen», so Piai.
Hochkomplexe Anforderungen
So simpel es klingen mag, Sensoren in Textilgewebe zu integrieren, so komplex ist die Umsetzung. Die eingesetzten Sensoren müssen entsprechend klein und flach dimensioniert werden, um nicht selber Druckstellen zu erzeugen. Zudem müssen sie in der Lage sein, sowohl den Sauerstoffgehalt im Gewebe als auch den vorhandenen Druck auf selbiges messen zu können. Der Sauerstoffgehalt wird mit Nahinfrarotlicht und lichtleitenden Fasern gemessen. Dafür arbeitete die Empa an der Entwicklung neuartiger Fasern, die zukünftig die aktuell verwendeten kommerziellen Fasern ersetzen sollen, und an ihrem neuartigen Produktionsprozess (Microfluidic Wet Spinning). Die Umsetzung bei der Integration der Fasern in Textilien leisteten die Empa und die Universität Bern zusammen mit der Firma Bischoff Textil AG aus St.Gallen. Für die Messung des Drucks arbeitete die Empa an der Weiterentwicklung von spezifischen drucksensitiven Fasern.
Die OST um das Team von Guido Piai und Markus Michler entwickelte die Elektronik, die faseroptischen Steckverbindungen und die nötigen Schnittstellen zur Datenauswertung. Das Sensordesign wurde von der Universität Bern und der Empa entwickelt. Die Uni Bern entwickelte auch die Auswertungsalgorithmen und führte die Validierung durch. Ein perfektes Teamwork über verschiedene Institutionen hinweg, ohne das die Umsetzung nicht möglich gewesen wäre, wie Piai betont: «Ohne das Zusammenspiel von so vielen Expertinnen und Experten wäre das Ganze aufgrund der Komplexität nicht umsetzbar gewesen. Hier gilt unser Dank allen Beteiligten und auch insbesondere der Firma Bischoff, die uns bei der Umsetzung in der Praxis massgeblich unterstützt hat.»
Die Basis ist also gelegt, nun gilt es, das Know-how noch in die Gesellschaft zu bringen, sprich die Umsetzung im Alltag voranzutreiben. Doch auch hier ist man auf einem sehr guten Weg, wie Piai betont: «Es wird derzeit ein entsprechender Lizenzvertrag mit der Firma Sensawear AG umgesetzt, jener Spinoff-Firma, die aus dem Projekt «ProTex» heraus gegründet wurde.»
Der Konkurrenz voraus
Dabei profitiert die OST auch finanziell, ist man doch an den zu erwartenden Gewinnen entsprechend beteiligt. Dass diese generiert werden können, steht ausser Frage. «Wir sind in der Entwicklung weltweit einen Schritt weiter als die Konkurrenz, das darf man schon so sagen. Mittlerweile wurden auch mehrere Patente im Zusammenhang mit unserer Forschung und Entwicklung generiert, so dass wir diesen Wissensvorsprung auch halten und ausbauen können», so Guido Piai.
Erste Tests mit gesunden Personen und Paraplegikern wurden durchgeführt, wobei Piai auch darauf hinweist, dass es gerade im medizinischen Bereich ein langer Weg ist, bis wirklich an eine Umsetzung in der Praxis gedacht werden kann. Zulassungen und Bewilligungen brauchen durchaus zwischen drei und fünf Jahren. Ein langer Weg, wenn man bedenkt, dass keine Medikamente auf Wirkungen und Nebenwirkungen getestet werden müssen. Doch diesen Zeitraum braucht es wohl auch noch, um komplett marktreif an die Implementierung im (Pflege-)Alltag gehen zu können. Betroffenen Personen, Patientinnen und Patienten sowie dem Gesundheits- und Pflegepersonal dürfte es indes nicht schnell genug gehen.
Kontakt
Prof. Ing. Guido Piai
ESA Institut für Elektronik, Sensorik und Aktorik
+41 58 257 33 91
guido.piai@ost.ch


